Von Bernd Späth

Er war ein Kerl von einem Mann, den ein Paar überdimensionierter Hosenträger zusammenhielt. Seine Beine steckten bis zu den Oberschenkeln in selbstgeschneiderten Hosen aus Rentierfell, unter der abgewetzten Wolfsmütze lugten prüfende Augen hervor. Nach alter Tradition ragten die Spitzen seiner Fellschuhe himmelwärts.

Sulo Alakorva betrieb Finnlands letzte Rentierpostlinie, die „Poripostilinja“ von Vuotso ins Goldgräberdorf Tankavaara und zurück. Kurz vor seinem Tod im Januar 1983 sprachen wir über die geheimnisvollen seherischen und mystischen Fähigkeiten der Lappen, von denen in Helsinki und Rovaniemi immer wieder berichtet wird. „Von allen Fremden bist du der erste, der danach fragt.“ Zögernd nur ging er das Thema an, doch binnen kurzem belebte er meine Phantasie mit wundersamen Gestalten, und es wimmelte von Schamanen, Teufeln und Geistern.

Untermalt vom Gluckern der elektrischen Kaffeemaschine, zweimal unterbrochen durch das Telephon, holte der Rentiermann seine Erinnerungen hervor wie Perlen an einer Seidenschnur.

„Natürlich“, berichtete er ernst, „sehe ich die Leute schon lange, bevor sie hier ankommen. – Auch dich habe ich gesehen.“ Stunden vorher schon, stimmte seine Frau Kaisu zu, höre sie die Stimmen und das Scharren der Ski, wenn Besucher sich von weit her zu ihnen auf den Weg machten. „Das war früher üblich. Wenn man irgendwo mit dem Rentier zu Besuch kam, war der Kaffeetisch bereits gedeckt. Zur richtigen Zeit und für die richtige Anzahl von Personen. Das könnte ich mir gar nicht anders vorstellen!“ Ist es Mystik oder Mummenschanz, Zauber oder Zufall? „Keines von beiden!“ entgegnete Sulo bedächtig. „Wer in der Wildnis wohnt, entwickelt seine eigene Sprache. Unser Volk hat sich untereinander immer so verständigt. Oftmals über fünfzig und achtzig Kilometer hinweg.“

Kaisu zum Beispiel kann sich überall hinversetzen, wo sie will. „Wenn man es erst einmal kann, ist es ganz einfach.“ Regelmäßig besucht sie auf diese Weise ihre Schwester im 300 Kilometer entfernten Kipisjärvi. Im Anschluß an ihre „Ausflüge“ telephoniert sie dann mit ihr, und diese bestätigt, daß alles so war, wie Kaisu es gesehen hat. „Das spart Zeit“, findet sie pragmatisch, „und man kommt mal wieder wo hin.“

Nicht etwa, daß man mich auf den Arm nehmen wollte, wie ich anfangs argwöhnisch befürchtete – dafür war das Gespräch zu ernst. An der Aufrichtigkeit ihrer Erzählungen hätte man nicht zweifeln können.