Eigentlich ist Lothar Loewe genau der richtige Intendant, um dafür zu sorgen, daß der Sender Freies Berlin (SFB) seinen besonderen deutschlandpolitischen Auftrag nicht vergißt. Als ARD-Korrespondent wurde er aus der DDR ausgewiesen, nachdem er in einem Fernsehkommentar festgestellt hatte, an der innerdeutschen Grenze würden die Menschen „wie Hasen“ totgeschossen. Als er dann später zum SFB-Chef gewählt wurde, mag sich mancher Journalist dort eingebildet haben, unter einem Intendanten Loewe würde die kritische DDR-Berichterstattung des bis weit in die DDR strahlenden Westsenders eher intensiviert werden.

Doch nun stellt der Sender, ausgerechnet unter dem Intendanten Loewe, das einzige werktägliche Programm speziell für das DDR-Puplikum ein. Am 29. Februar werden die Hörer hinter der Mauer das traditionsreiche „Ost-West-Journal“ zum letztenmal empfangen können. Fast 35 Jahre lang hatte die Sendung ihren unantastbaren Platz im SFB-Programm, zuletzt von Montag bis Freitag von 19.05 bis 19.15 Uhr und in der Wiederholung kurz nach Mitternacht.

Gegründet im Kalten Krieg als stramm antikommunistisches Propaganda-Stück, versteht sich die Redaktion (anderthalb Stellen) unter dem 57jährigen Philologen Erhard Albrecht heute als „ganz nüchterne Denk- und Argumentationshilfe für die drüben – damit die mit ihrem Regime besser klarkommen“. Da werden Theorie und Wirklichkeit der DDR-Wirtschaftspläne verglichen, neue Gesetze und Verordnungen kritisch gewürdigt – Themen, die der DDR-Bürger, wenn überhaupt, nur grob verfälscht in seinen Medien finden kann. Schwerpunkt der Sendung ist die DDR, aber auch andere Ostblockstaaten kommen vor. Da hören, weiß Redakteur Albrecht, nicht nur SED-Funktionäre interessiert zu, um sich auf dem laufenden zu halten: „Von freigekauften Häftlingen haben wir auch gehört, daß etwa die Gefangenen im Zuchthaus Brandenburg uns auf heimlich gebastelten Anlagen regelmäßig empfangen.“

Daß nach dem Willen der SFB-Gewaltigen damit nun Schluß sein soll, erfuhr der verantwortliche Redakteur Albrecht fünf Wochen vor dem abrupten Ende. Die offizielle Begründung des Senders ist ebenso hanebüchen wie beschämend. Weil der SFB sein Vorabend-Programm im Fernsehen für Zuschauer und Werbetreibende attraktiver machen will, muß dort die für DDR-Seher konzipierte, etwas dröge Internationale Presseschau Platz für ein „Tele-Journal“ machen, als „neue Vorabend-Lokomotive“, wie Herbert Mittelstaedt, Programmreferent in der SFB-Chefredaktion das nennt: „Attraktive Gäste, attraktive Veranstaltungen in Berlin.“

Da paßt die Presseschau für die wenig attraktiven DDR-Nachbarn natürlich nicht mehr ins Konzept. Damit die Werbemark ungehindert rollen kann, werden die Internationalen Pressezitate nun an Stelle des Ost-West-Journals um 19.05 Uhr im Radio verlesen, das Ost-West-Journal eingestellt. Schließlich, so Programmplaner Mittelstaedt, „ist für die DDR-Zuhörer eine Presseschau wichtiger als etwa, aber das nur als Scherz, die Beschäftigung mit dem 724. Parteitag der KP Albaniens“.

Und der stellvertretende Hörfunk-Chefredakteur Dieter Käufler meint, die Zuhörer in der DDR könnten ihre Themen schließlich auch in den drei aktuellen Radio-Magazinen des SFB wiederfinden – „einfach auch ein bißchen populärer und nicht so spezialistenhaft wie im Ost-West-Journal“.

Hauptsache, die Kasse stimmt.