Nirgendwo läuft das Geschäft mit der Romanze so gut wie in Großbritannien

Küßchen, Küßchen: Zum diesjährigen Valentinstag haben die Briten einen Rekord aufgestellt und nicht weniger als acht Millionen Liebesschwüre per Postkarte versandt. Acht Millionen Mal Urtext mit Variationen: „Liebste Jane, dank Dir für soundsoviel wundervolle Jahre, immer Dein John.“ Die Postboten Ihrer Majestät gaben, noch etwas außer Atem, zu Protokoll, die machtvolle Demonstration liebevoller Verbundenheit habe ihnen unerwartete Porto-Mehreinnahmen von 20 Millionen Pfund eingebracht.

Aus rein praktischen Erwägungen hat es Vorteile, das, was hierzulande als Hochzeitstag oft genug vergessen wird, auf einen für alle verbindlichen Termin festzulegen. Es vergißt sich schlechter. Das glutrote Herz mit aufgedrucktem Datum leuchtet als Memo über der ganzen Insel.

Hätte es dieses Beweises bedurft, um das Vorurteil von den unterkühlten und zynischen Engländern endgültig zu widerlegen? Stellen wir uns dem Vergleich: Während sich in der Bundesrepublik der Bedarf nach Plüschlektüre der Romanreihen „Silvia“, „Julia“ und so weiter bei gerade hundert Millionen verkaufter Exemplare eingependelt hat, kann ein einziger Londoner Verlag (Mills & Boon) 180 Millionen abgesetzter Taschenbücher melden. Das Geschäft mit der „traditionellen Romanze“ läuft immer und nirgends so gut wie im Vereinigten Königreich.

Eine gewisse praktische Veranlagung (siehe oben), besser: das Primat des „Do-it-yourself“-Prinzips hat sich in Großbritannien offensichtlich mit der Kraft der Phantasie aufs glücklichste gepaart: Die Romanzen-Leser (es sind hauptsächlich Frauen) leihen dem Schicksal gern und oft ihre Schreibmaschine und verfassen selbst, was sie als Genußlektüre einstufen. England ist die Nation mit den meisten weiblichen Erfolgsautoren (Georgette Heyer, Roberta Leigh), auch wenn sie oft genug zu bescheiden sind, ihre echten Namen zu verraten.

Ungekrönte Königin dieser Damen ist die 86jährige Barbara Cartland, die ihre nach Millionen zählende Gemeinde in bienenfleißiger Schaffenskraft nicht nur mit über 200 Romanen versorgte, sondern das Märchen zum Anfassen gleich dazugeliefert hat in Form ihrer Stiefenkelin Diana von Wales. Ein Bestseller, wie er der Konkurrenz kaum gelingen dürfte. Auch wenn sie in Londoner Verlegerkreisen ob ihrer Geschäftstüchtigkeit als „parfümierte Dampfwalze“ bezeichnet wird, auch wenn der Buckingham-Palast ihr striktes Interviewverbot auferlegt hat: Barbara Cartland hat gewissermaßen schon zu Lebzeiten Unsterblichkeit errungen.

Nichts anderes war das Ziel einer ihrer Kolleginnen, Betty Trask. Zwar sind ihre Bücher („Flügel der Liebe“, „Liebe kennt keine Grenzen“) im Meer der vielen anderen irgendwie untergegangen, doch hinterließ sie, als sie im vergangenen Jahr 88jährig starb, ein Vermögen von 400 000 Pfund. Mit 48 000 Mark soll daraus Jahr für Jahr ein Nachwuchsschriftsteller (nicht älter als 35) belohnt werden, der sich um die Fortschreibung der im Doppelsinn „anständigen“ Romanze verdient gemacht hat.