Von Dieter Buhl

Jetzt hat Walter Mondale die erste Hürde übersprungen. Sein Sieg bei den Abstimmungen der Demokraten im Bundesstaat Iowa ist so deutlich ausgefallen wie erwartet. Der Favorit darf aufatmen. Er ist zwar nur ein kleines Stück auf dem langen Weg zur Nominierung als Präsidentschaftskandidat vorangekommen, aber er hat die Skeptiker eines Besseren belehrt: Mondale kann siegen. Gegen die notorische Strauchelsucht der Spitzenreiter hat er sich – vorerst? – als immun erwiesen.

Auch der Erfolg im tiefen Mittleren Westen wird jedoch diejenigen nicht verstummen lassen, die seit langem fragen: Warum liegt tust Walter Mondale in der Gunst der demokratischen Wähler so weit vorn? Weshalb führt ausgerechnet er mit großem Vorsprung vor den sieben Konkurrenten um die Nominierung? Faszinierende Ausstrahlung oder gar demagogische Begabung kann das Geheimnis nicht sein. Walter Mondale ist kein Volkstribun. Er gehört nicht zur amerikanischen Spezies der Fernsehpolitiker, die mit ausladenden Gesten und großen Worten den Bildschirm füllen. Eher gleicht er einem leitenden Angestellten, bei dem die Firmenkasse gut aufgehoben ist.

Zurückhaltung zählt nicht umsonst zu Mondales meisterwähnten Vorzügen. Dem Abkömmling norwegischer Einwanderer steht der skandinavische Hang zur Verschlossenheit wohl an. Doch wo er zu allzu großer Vorsicht führt, kann er im Wahlkampf zur Belastung werden. Wer jede seiner Äußerungen so offenkundig auf die Goldwaage legt, lädt zu Zweifeln ein – an seinem Mut wie an seiner Standfestigkeit. An beiden Tugenden hat es Mondale in seinen über 20 Jahren als Politiker nie fehlen lassen. Nur Funken hat er nie geschlagen, weder als Generalstaatsanwalt von Minnesota oder als Senator seines Heimatstaates in Washington noch als Jimmy Carters Vizepräsident oder jetzt als Präsidentschaftskandidat.

Weil bei ihm von Charisma nur wenig zu verspüren ist, gilt bisher sein Wahlkampfapparat als Geheimnis des Erfolges. Mondale hat ihn mit seiner sprichwörtlichen Vorliebe fürs Detail montiert. Bei seinen vielen Reisen durch das Land gewann er während der vergangenen Jahre ein Heer von Anhängern und Freunden in der Partei. Sie sollen ihm jetzt dabei helfen, die Wähler in den Vorwahlstaaten zu beeinflussen und zu mobilisieren. Eine Glaubensgemeinschaft, wie sie John F. Kennedy unterstützte oder wie sie im sogenannten Kinderkreuzzug für den Vietnamkriegsgegner Eugene McCarthy um Wählermassen warb, trägt Mondale nicht. Seine Wahlkampfmaschine wird nicht von blindem Eifer oder von blauäugiger Begeisterung gespeist, ihr Treibstoff ist kühle Professionalität.

Ein Übersoll beim Organisieren kann für den Kandidaten zum Nachteil werden, die Maschine als Moloch die Wähler schrecken. Noch berührt diese Sorge Walter Mondale nicht. Auch nicht der Vorwurf, eine Marionette der Gewerkschaftsbosse und demokratischen Königsmacher zu sein. Er

glaubt vielmehr, mit der Handhabung des Wahlkampfapparats einen Beweis für seine Führungsqualitäten anzutreten. Wer Präsident werden will, so seine Logik, muß das Räderwerk seiner Partei beherrschen, muß Mannschaften zusammenstellen und – vor allem – die Menschen überzeugen können.