Von Uwe Prieser

Sarajevo

In der Innenstadt von Sarajevo staut sich jetzt wieder der Autoverkehr. Die Fabriken haben die Produktion wieder auf Vollast hochgefahren. Wasser und Strom werden rationiert. Wir wissen, wie Serbo-Kroatisch klingt, ohne es von Slowenisch unterscheiden zu können. Wir sehen zum Himmel hinauf, und der Himmel sieht aus wie feiner Metallstaub. Ob das ein olympischer Himmel geworden ist oder bleibt? Das Fernsehen hat Olympia zum Markt der Firmen und Sponsoren gemacht. Der Einsatz wird immer höher. Sarajevos Zukunft wird eine Zukunft ohne Olympia sein.

Wir gehen noch einmal durch die Altstadt. Hier wohnen die Mohammedaner, die ihren Propheten gewechselt haben. Hier haben die Türken gebaut. Die Minarette sind so schlank, wie sie sein sollen. Schnittpunkt von Abend- und Morgenland. Alles ist so, wie wir es vor drei Wochen vorgefunden haben. Wir erinnern uns an die Enttäuschung, als der Muezzin vom Band zum Gebet rief, und an den Abend, als wir die Moschee besichtigen wollten, die Pantoffeln vor dem Eingang stehen sahen und uns nicht trauten, sie überzuziehen, aber auch nicht, in unseren Stiefeln einzutreten. Auf einmal fühlten wir uns so fremd, wie es uns das Lexikon versprochen hatte, und wir sind nicht hineingegangen.

Wir gehen die krummen Straßen zur Oberstadt hinauf und suchen den alten Mann, dem an einer Hand zwei Finger fehlten, um für Evi noch einen Strauß Veilchen zu kaufen. Er hatte einen Korb voll mit Veilchen, und er trug ihn über den Arm. Wir haben ihn nicht mehr gefunden. Es hatte soviel geschneit, und er war ein ziemlich alter Mann.

Die Schlußfeier hat bloß eine halbe Stunde gedauert. Dann war das olympische Feuer erloschen. Der letzte Auftritt hatte den Kindern gehört. Sie sangen „Es war schön in Sarajevo“. Bei der Schlußfeier gab es darüber keine geteilten Meinungen. Die geteilten Meinungen waren schon vorher dagewesen, bei der Beurteilung der Erfolgsstatistiken. Hinterher glichen sich die Meinungen bei den meisten Mannschaften wieder an: Es muß etwas geschehen, um die Statistik zu verbessern. Planung, Betreuung, Koordination, Einstellung. Der Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland bemängelte, manche Olympiakämpfer hätten nicht den richtigen Biß gehabt. Es ist nicht auszuschließen, daß sie trotzdem das richtige olympische Erlebnis gehabt haben. Dieses Erlebnis ist nach Aussage des Internationalen Olympischen Komitees der Kern der Spiele.

Der Gedanke, was mit den olympischen Medaillen eigentlich belegt sein soll, führt fast immer auf das Interesse des Denkenden zurück. Die DDR und die UdSSR belegen damit die Tüchtigkeit ihres gesellschaftlichen Systems. Die Amerikaner belegen ihre Reife fürs Big Business. Die Jugoslawen belegen mit der Silbermedaille von Franco Jure im Riesenslalom ihre Zugehörigkeit zu den Wintersportländern. Noch nie zuvor hatte ein Jugoslawe bei Olympischen Spielen eine Medaille gewonnen. Wenn unsere Erfolgsstatistik wieder einmal hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, berufen wir uns auf unsere „freiheitlich demokratische Grundordnung“. Dann schauen wir auf die Medaillengewinne der DDR und seufzen, die Verhältnisse, die sind nicht so. Und schauen auf das politische System und seufzen, was für ein Glück. Und dann sagen wir, unsere Olympiamannschaft muß aber schlagkräftiger werden. Wissenschaftlicher die Planung, koordinierter die Förderung, effektiver die Anstrengung.