Von Heidi Dürr

Am Dienstag vergangener Woche, kurz vor Mitternacht, konnte Tagesthemen-Moderatorin Elke Herrmann endlich einmal eine positive Nachricht verlesen: „Die berühmten alten und auch neuen Hollywood-Filme werden demnächst im ersten Fernsehprogramm reichlich zu finden sein.“ Um deutlich zu machen, was den Zuschauer in Zukunft alles erwartet, nannte sie auch jenen Film, der seit Jahren auf dem Wunschzettel der bundesdeutschen Fernseher obenan steht: „Vom Winde verweht“.

Die Vorfreude der TV-Nation auf das 1939 gedrehte Bürgerkriegs-Epos mit Clark Gable und Vivien Leigh dauerte freilich nur knapp 21 Stunden. Schon einen Tag später mußte die ARD in der Tagesschau bekanntgeben, daß der legendäre, mit elf Oscars ausgezeichnete Streifen nicht zu dem „größten Filmpaket aller Zeiten“ (Frankfurter Rundschau) gehört, das die ARD-Filmeinkaufsfirma Degeto kurz zuvor in London für 80 Millionen Dollar, rund 220 Millionen Mark, von der Hollywood-Firma Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) erworben hatte.

Dennoch ist die Freude über das umfangreichste Geschäft, das jemals zwischen dem deutschen Fernsehen und einer Filmfirma direkt abgeschlossen wurde, in der ARD ungetrübt. Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend: Aus der 3172 Filme umfassenden „Bibliothek“ der MGM, in der sich die Produktionen von Metro-Goldwyn-Mayer, United Artists und Warner Brothers (bis 1948) befinden, kann die ARD 1350 Werke auswählen. In dem 80-Millionen-Dollar-Paket, das bereits mit 30 Millionen angezahlt wurde und in 13 Jahres-Raten abgegolten wird, sind außerdem alle Zeichentrickfilme der MGM wie beispielsweise die Serie „Tom und Jerry“ sowie 390 Stunden TV-Sendungen enthalten. Zudem hat die ARD die Rechte an allen neuen, von 1984 an produzierten, MGM-Filmen erworben. Mindestens zehn müssen es pro Jahr sein.

Auch die zeitlichen Konditionen unterscheiden sich wesentlich von den bisherigen Geschäftspraktiken. Während die deutschen Fernsehanstalten Filmrechte bisher nur für vier bis fünf Jahre und zwei bis drei Ausstrahlungen erwarben, kann die ARD die MGM-Streifen 15 Jahre lang so oft sie will verwerten. Die Frist beginnt erst zu laufen, wenn ein Film abgerufen wird. Ein Streifen, der erst 1998 übernommen wird, kann also bis ins Jahr 2013 gesendet werden.

Der Vertrag berücksichtigt auch die neuen medienpolitischen Verhältnisse: Die Filme dürfen nicht nur auf konventionellem Weg ausgestrahlt werden, sondern auch über Kabel und Satellit Bereits vorhandene oder noch entstehende Konkurrenz aus dem Ausland wie beispielsweise das neue deutschsprachige TV-Programm von Radio-Tele-Luxemburg („RTL plus“) wird damit abgeblockt. Das Abkommen sichert der ARD die Rechte für den gesamten deutschsprachigen Raum einschließlich DDR, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und Südtirol.

Die „außerordentlich bedeutende Anschaffung an Programm im Interesse des Zuschauers von heute und morgen“ (WDÄ-Intendant und Degeto-Aufsichtsratsvorsitzender Friedrich-Wilhelm von Seil) soll die Konkurrenzfähigkeit der Landesrundfunkanstalten nicht nur gegenüber dem ZDF, das in der Unterhaltung meist die Nase vorn hat, sondern auch gegenüber den neuen privaten TV-Veranstaltern sichern. Denn Spielfilme gehören für Zuschauer und Video-Fans zu den attraktivsten Programmen. Schon heute sind in den Abendprogrammen von ARD und ZDF jeweils rund zweihundert Kino-Stücke pro Jahr zu sehen, in den fünf dritten Programmen weitere sechshundert.