Von Siegfried Lenz

Sehen, das kann einfach Vergewissern sein, oder Prüfen, Protokollieren und Bestätigen. Wir versichern uns einer Erscheinung, einer Landschaft vielleicht, wandern sie blickweise ab und lassen den Eindruck auf sich beruhen. Ein Betrachter findet sich so zurecht, er erfaßt, was sich ordentlich anbietet und nimmt es sozusagen zu den Akten.

sehen, das kann aber auch Durchdringen sein, Ausfragen und Verwandeln. Wir investieren einiges in die Ansicht und bekommen einen Einblick zurück; etwas wird dermaßen aufgedeckt, daß es nicht mehr für sich bleiben kann.

Gegenseitiges Erkennen: auch das ist Sehen. Plötzlich spürt man Veränderung wie einen sympathischen Schmerz, ein Abstand verringert sich, das Erkannte steigert die Empfindlichkeit für uns selbst. Mit Welterklärung hat das schon ein bißchen zu tun, mehr aber noch mit diesem seltsamen Vorgang des Innewerdens: wir werden auf einmal der Erfahrung inne, daß das Gesehene über sich selbst hinausweist, es wird in gewissem Sinne übertragbar.

Jedenfalls, was Sehen heißt, was es bewirkt und ermöglicht, das zeigt ein Buch, das sich als Huldigung an eine Landschaft vorstellt und zugleich eine kleine Schule des Sehens ist –

„Wilhelm Heise – Ein Maler photographiert in Ostpreußen“, herausgegeben von Andreas Heise; Orell Füssli, Zürich; 160 S., 40 farbige und 120 schwarzweiße Abb., 78,– DM.

Um Motive für eine „Ostpreußen-Mappe“ zu sammeln, eine Folge von farbigen Steindrucken, zog der Maler Wilhelm Heise (1892-1965) mit seiner Kamera vom Pregel zur Memel, von der Elchniederung nach Masuren, er ließ sich ebenso in die legendären Taberbrücker Reviere verschlagen wie an die Küste des Samlands, und dabei war er weniger auf umfangreiche Photobeute aus, als vielmehr darauf, die für dieses Land sprechenden Erscheinungen zu finden. Heise, ein Vertreter des magischen Realismus, verließ sich nicht auf die Objektivität des Objektivs; er spürte, er sah und spürte, daß pures Panorama nicht ausreichte, um die Eigenart dieses Landes zu belegen, zu dem Bild mußte etwas dazu entdeckt werden: das Verschwiegene, das erst den gewünschten Aufschluß brachte. Gehöfte und Gesichter, Flüsse und Kanäle, Häfen und Plätze, Baumstämme und Boote: alles genügt sich zwar selbst, doch das Malerauge bringt zusätzlich zum Vorschein, was sich dem „objektiven“ Blick entzieht. Verlassenheit, zum Beispiel, oder Geduld, Demut, Stille, unfaßbare Abgelegenheit.