Von Klaus Viedebantt

Skandinavien ist keine Insel. Die riesige Halbinsel – der Nordflügel der Alten Welt – ist in Finnland wie in einem riesigen Scharnier verankert, in Dänemark wie auf Säulen gelagert. Theoretisch kann man Skandinavien auf dem Landweg erreichen, in einem weiten. Bogen via Osteuropa.

Aber das ist, wie gesagt, schiere Theorie. Nordland-Besucher kommen noch heute an wie in Tagen der Wikinger, per Schiff. Das ist – neben den exellenten Flugverbindungen – nicht nur der bequemste, es ist auch der angemessene Weg, diesem eigenwilligen Winkel Europas nahezukommen. Denn Salzwasser hat die Länder zwischen Ostsee und Nordmeer ebenso geprägt wie das nordische Klima, wie die ewigen Nächte im Winter und die endlosen Tage im Sommer. Skandinavien ist eine Welt für sich. Man muß nicht nur im verkehrstechnischen Sinne übersetzen, wenn man von Mittel- nach Nordeuropa reist.

Die geographischen Gegebenheiten des Nordens, die Eigenheiten seiner Bewohner und die dort traditionsreiche Bootsbauerkunst ließen die Routen nach Skandinavien und innerhalb der Vier-Völker-Gemeinschaft zum interessantesten Fährrevier der Welt werden. Da tuckern auf abgelegenen Strecken heftig dampfende Pötte, in deren Bauch man statt des Dieselaggregats noch schwitzende Stoker vor den Dampfkesseln erwartet. Da rauscht die „Finnjet“, die schnellste Großfähre der Welt, zur Sommerszeit im Gasturbinentempo von Travemünde nach Helsinki, um winters auf die gemächlichen Schwerölmotoren umzuschalten, weil sonst der finanzielle Ruin unvermeidlich wäre. Da zuckeln die (endlich modernisierten) Hurtig-Schiffe als seegängige Postkutschen von einem norwegischen Dorfpier zum nächsten. Die größten und wohl auch luxuriösesten Fähren der Welt gleiten durch das Landgerinnsel der Ålands von Schweden nach Finnland. Die Glitzertruppen des deutschen Schaugeschäfts locken in der Nebensaison zur „Mini-Kreuzfahrt“ auf die Fähren nach Trelleborg.

„Das gibt’s auf keinem Dampfer“ – dieser Spruch hat ausgedient auf der Ostsee. Auf den immer größeren, immer schuhkartonförmigeren Dampfern gibt es alles, von Hard Rock bis Roulett, von Billigbutter bis zu Luxusfutter.

Die Schiffe mit den haushohen Firmennamen an den Flanken – millionenschwere Investitionen in eine Zukunft mit Zuwachsraten – sind auch Symbole eines unerbittlichen Konkurrenzkampfes um die Seeherrschaft. Die Kapazität der maritimen Jumbos ist nicht ausgelastet, sieht man einmal von den paar sommerlichen Hochsaison-Wochen ab. Ansonsten rangeln die Reedereien um jede Fuhre für ihre unersättlichen Fährbäuche. Der einzelne Passagier merkt davon kaum etwas, aber die internationalen Speditionen reiben sich die Hände, wenn die Reedereien sich gegenseitig Dumpingpreise im Frachtgeschäft vorwerfen.

Diesem Fährkampf ohne Fairplay sind schon einige ruhmreiche Namen zum Opfer gefallen, verschluckt von der Konkurrenz. Namen wie „Saga“ oder „Sessan“ haben nur in Fusionen überlebt. Wenige Große beherrschen heute das Geschäft, dazu gehören die TT-Saga-Linie, Stena und Jahre, Finnjet, Viking, DFDS, die GT-Linie und die Gemeinschaft der Bundesbahn mit den Dänischen Staatsbahnen auf der Vogelfluglinie. Giganten eines Binnenmeeres. Auf den Fährplanken – pflegeleichte Kunststoffe und Teppichböden – beginnt Skandinavien bereits in vielerlei Form. Hier wird beispielsweise schon jenes seltsame Wechselspiel aus wikingerhaftem Unabhängigkeitsdrang und klaglos hingenommener staatlicher Bevormundung spürbar.