DIE ZEIT

Balkon-Sturz

Weil doch sein wird, was nicht sein darf, haben Sozialdemokraten kurzerhand einen Glaubenssatz verworfen, der ihnen lange Zeit lieb und teuer war: Private haben im Runafunkgeschäft nichts zu suchen, weil da der Ton zu sehr auf dem Geschäft läge.

Bonn schlief

Helmut Kohl spielte vor den Kommandeuren in Travemünde seine Lieblingsrolle: den starken und gerechten Kanzler. So polterte er los, es sei „ein Skandal“ und „unerträglich“, daß mehr als ein Drittel eines wehrpflichtigen Jahrgangs weder Wehr- noch Zivildienst leiste.

Sündenrabatt

Was sind wir doch für ein merkwürdiger Staat, was für eine sonderbare Gesellschaft. Da jammert alles über die Selbstbedienungsmentalität der Interessengruppen, über die Korrumpierer und die Korrumpierten, die nach Flick-Muster ihr Schäfchen ins trockene zu bringen suchen, über den Verlust des Maßstäblichen in so vielen öffentlichen Dingen.

Warum die Eile?

Bonn vor einem Jahr, wenige Monate nach dem Antritt der konservativ-liberalen Koalition und kurz vor ihrer eindrucksvollen Bestätigung durch die Wähler: Da war von „Erneuerung“ die Rede, von einer auf etliche Jahre angelegten „Konsolidierung“ der Staatsfinanzen, von Sparsamkeit und vom Gürtel, der enger geschnallt werden müsse.

Wenn Frankreich unregierbar wird

Monatelang haben sich die Franzosen den Kopf darüber zerbrochen, was denn in die Deutschen gefahren sei. Der deutsche Pazifismus war ihnen nicht geheuer, einen neuen Wiedervereinigungs-Nationalismus wähnten sie zu entdecken.

Worte der Woche

„Die existenzbedrohenden Gefahren für den Staat Israel betreffen uns ebenso wie die Friedensaufgaben im Verhältnis zu seinen Nachbarn.

Zeitspiegel

Das kleine Städtchen Emmetsburg im amerikanischen Staat Iowa könnte in die Geschichte der Meinungsforscher eingehen. Einen Tag vor Walter Mondales Sieg im Caucus ermittelte der lokale Rundfunksender einen sicheren Vorsprung des früheren Vizepräsidenten vor seinen demokratischen Mitbewerbern – jedenfalls unter den Radiohörern, die es nicht zu weit vom Rundfunkgerät zur Toilette haben.

Der Weg eines Gerüchts

Wie aus Bürokratengeschwätz erst ein Verdacht und dann ein aktenkundiger Irrtum wurde

Die Freiheit des treuen Vasallen

Die menschlichen Beziehungen im geteilten Deutschland sind auch auf höchster Ebene nicht schlecht. Zwei Stunden haben Bundeskanzler Kohl und SED-Generalsekretär Honecker anläßlich der Beerdigung des sowjetischen Parteichefs Andropow miteinander gesprochen – „von Mensch zu Mensch“, wie Regierungssprecher Boenisch hervorhob.

Kurs der Vernunft

Der Gast blieb doppelt so lange wie vorgesehen und ließ sich sogar, obwohl er schon gegessen hatte, zu einem neuen Imbiß einladen.

Neuer Personalausweis: Riegel vor

Nun kommt er doch nicht so schnell wie anfangs gefürchtet: Der maschinenlesbare Personalausweis, geplant für November 1984, wird bis dahin nicht die parlamentarischen Hürden genommen haben.

Reagans Abkehr vom Libanon

Mit Bajonetten kann man eine Menge anfangen – nur darauf sitzen kann man nicht.“ Dies ist, aus dem Munde eines Beamten im amerikanischen Außenministerium, die vielleicht anschaulichste und zugleich einfachste Erklärung dafür, warum die Marines jetzt auf die Schiffe in den libanesischen Küstengewässern zurückgenommen werden.

Dienstreise einer Ministerin

So kämpferisch zog am Wochenende Melina Mercouri vor einem Berliner Gefängnis auf. Als „Griechin und Ministerin“ hatte sie ihren Auftritt inszeniert, um einem bedrängten Landsmann zur Seite zu stehen.

Golfkrieg: Neue Drohungen

Die neuerliche Eskalation begann mit irakischen Artillerie- und Raketenangriffen auf sieben iranische Städte. Hundert Zivilisten kamen dabei ums Leben.

NAMEN UND NACHRICHTEN

In Nicaragua soll am 4. November ein Präsident und eine Nationalversammlung gewählt werden, zwei Tage vor den Präsidentschaftswahlen in den USA.

Südafrika: Neue Arrangements

Am Montag dieser Woche einigten sich eine südafrikanische Delegation unter Außenminister Roelof Botha und Vertreter der moçambiquanischen Regierung in Maputo darauf, bald einen Nichtangriffspakt zu unterzeichnen.

Die Türkei ist für die Demokratien Westeuropas ein schwieriger Partner. Warum, erhellen auch die Erlebnisse eines jungen Deutschen, der sechzehn Monate lang unter unfaßbaren Umständen in einem türkischen Gefängnis festgehalten wurde. Seine Leidensgeschichte ist kein Einzelfall, sie steht für manche andere.: Gequält in türkischen Verliesen

– Ein Tourist sitzt in einem Café. Ein Türke setzt sich hinzu und liest eine englischsprachige Zeitung. Nach einiger Zeit übergibt er dem Touristen die Zeitung und bittet darum, einen Moment darauf zu achten, da er zur Toilette möchte.

Lücken in der Gesetzgebung: Asyl für einen Toten

Eine Tragödie hat einen wenig beachteten Epilog gefunden. Knapp ein halbes Jahr, nachdem sich Kemal Altun – zermahlen in den Mühlen einer ihm fremden, undurchschaubaren Justiz – an einem strahlend blauen Sommertag aus dem sechsten Stock des Berliner Verwaltungsgerichts gestürzt hatte, ist ihm ein Stück Gerechtigkeit widerfahren.

Drei Monate nach der Wahl: Folter und Demokratisierung

Widersprüchlich sind die Nachrichten aus der Türkei. Drei Monate nach der vom Militär befohlenen Parlamentswahl, deren Ergebnis eine Schlappe für die Veranstalter war, sitzt der Wahlsieger Turgut Özal als Ministerpräsident fest im Sattel.

Wolfgang Ebert: Kreml-Experten

„Um die ganz simple Frage, ob Tschernjenko den Apparat in den Griff bekommt oder nicht“, belehrte ihn Külz. Davon schien Hülz überhaupt nichts zu halten: „Sie haben noch mit keinem Wort die Rolle der Roten Armee .

Literaturbrücke: Lesen auf Bestellung

Was ehemals Adelskreisen und vornehmen Bürgerfamilien vorbehalten war – in kleiner Runde zur abendlichen Entspannung und Unterhaltung den Vorträgen aus Werken der Weltliteratur zu lauschen das wollen zwei Künstler im Zeitalter der neuen Medien wieder in Mode bringen.

Ein bißchen populärer

Eigentlich ist Lothar Loewe genau der richtige Intendant, um dafür zu sorgen, daß der Sender Freies Berlin (SFB) seinen besonderen deutschlandpolitischen Auftrag nicht vergißt.

Kindertherapiezentrum: Boxen gegen die Angst

Auch nebenan tobt die Schlacht. Da werden immer wieder Knaller in die Gewehrläufe geschoben, mit Geheul oder stiller Routine Plastikpistolen aufeinandergerichtet.

Große Geheimniskrämerei um ein brisantes Gutachten des Batelle-Instituts nährt Gerüchte: Schaden für die Kohle

Ein Gutachten macht Furore, noch ehe es veröffentlicht ist. Die Rede ist von einer Studie des angesehenen Batelle-Institutes mit dem Titel „Aktualisierter Vergleich der Investitions- und Betriebskosten von Steinkohle- und Kernkraftwerken“, die – soviel ist schon zu hören – zu dem Ergebnis kommt, daß die Kernkraft nicht nur in der Grundlast, sondern auch in der Mittellast billiger ist als Kohle.

Waffen aus Deutschland

Wochenlang haben die Manager des Münchner Rüstungskonzerns Krauss-Maffei die Existenz eines deutsch-ägyptischen fenplans bestritten.

Nixdorf: Beispielhaft

Heinz Nixdorf hat lange mit sich gerungen, bevor er endlich den Weg für seine Nixdorf Computer AG an die Börse freimachte. Schon in den frühen siebziger Jahren liebäugelte er mit Nixdorf-Aktien, vor sechs Jahren beteiligte er die Deutsche Bank an seinem Unternehmen und ließ wieder über Börseneinführungen spekulieren.

Bonner Kulisse

Politik ist wirklich oft so, wie es sich der kleine Moritz vorstellt: eine Summe kleinkarierter Geschäfte und Gegengeschäfte, ausgeführt von Leuten, die sich dem Niveau ihrer Geschäfte unentwegt anzupassen versuchen.

Sonderzahlungen: Bremse

Inzwischen hat er sich herumgesprochen, der Trick mit der vorzeitigen Auszahlung von Weihnachts- und Urlaubsgeld. Eine Gesetzeslücke, so weiß man, erlaubt es Arbeitgebern und Arbeitnehmern gleichermaßen, durch verfrühte Sonderzahlungen Sozialabgaben zu sparen.

Fachmann für Brisantes

Über den Bundesfinanzhof, ein in München ansässiges Oberes Bundesgericht, hat man bislang nur wenig lesen müssen, jedenfalls nicht in Publikumsblättern, die die Interessen ihrer Leser respektieren.

Herstatt-Urteil: Juristenstaat

Nur noch 138 Tage, und Iwan D. Herstatt, der dem größten Bankzusammenbruch nach dem Kriege den Namen gegeben hat, wäre ein unbescholtener Mann gewesen.

Branntweinmonopol: Immer Ärger mit dem Schnaps

Schnaps gilt als fester Bestandteil deutscher Trinksitten; der Klare zum Bier oder nach dem Essen gehört einfach dazu. Doch jetzt bangt der Verband deutscher Kornbrenner um die Zukunft dieses Destillats, denn das Bundesfinanzministerium überlegt, ob es die deutsche Brennereiwirtschaft auch weiterhin finanziell am Leben erhalten soll.

Eigener Herd ist Milliarden wert

Wenn er an den Wohnungsbau denkt, ahnt der Göttinger Wirtschaftsprofessor Ernst Gerth ganz Schreckliches: „Wir werden den Zusammenbruch lokaler Wohnungsmärkte erleben, dank der Politik des Bauministers, die der Idylle des Eigenheims folgt.

Fernsehanstalten: Filme fürs nächste Jahrtausend

Am Dienstag vergangener Woche, kurz vor Mitternacht, konnte Tagesthemen-Moderatorin Elke Herrmann endlich einmal eine positive Nachricht verlesen: „Die berühmten alten und auch neuen Hollywood-Filme werden demnächst im ersten Fernsehprogramm reichlich zu finden sein.

MANAGER UND MÄRKTE

Kiyofumi Morimoto, Exportmanager bei Nissan in Tokio, hat die Ziele für die deutsche Tochter des zweitgrößten japanischen Autoherstellers hoch angesetzt: „1984 will Nissan in der Bundesrepublik unbedingt der Erste unter den japanischen Anbietern sein“, erklärte er.

Überholte Instrumente

ZEIT: Frau Thoben, Sie kritisieren, daß die nordrhein-westfälische Landesregierung den Bau eines Spielcasinos in Dortmund im Rahmen der Regionalförderung finanziell unterstützen will.

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