„Memoiren eines Moralisten“, von Hans Sahl. Auch wenn der 1902 geborene, 1933 emigrierte, heute in New York lebende Hans Sahl stets nur im zweiten Glied stand und daher retrospektiv seine Bedeutung mitunter aufzuwerten sucht, lohnt die Lektüre seiner Erinnerungen. Teils ironisch, teils melancholisch, immer aber lebendig beschreibt Sahl, der in diesen Tagen mit dem Andreas-Gryphius-Preis 1984 (10 000 Mark) der Künstlergilde in Esslingen ausgezeichnet wurde, seine Jugend in Dresden und Berlin (während der ihm bereits seine Außenseiterrolle als unorthodoxer Jude bewußt wird), seine Studienzeit in München und Breslau und schließlich die zwanziger-Jahre, die er als Feuilleton-Mitarbeiter der Zeitungen (Berliner Börsen-Courier, Das Tagebuch) inBerlin erlebt. Früh engagiert er sich für die Anerkennung des Films als Kunstform Ein Reigen berühmter Zeitgenossen, die er interviewt oder persönlich kennt: Brecht, Eisenstein, Piscator, Klabund, Asta Nielsen, Carola Neher, Hans Richter etwa. Das noch unberührte Sylt, Ascona als Eldorado der Künstler und Weltverbesserer, die berüchtigten Sex-Orgien des Dr. Klapper oder eine Matinee mit tout Berlin im Hause Ihering – das sind gut beobachtete, gut erzählte Episoden. Besonders bewegend: der „Abschied von der Republik“, als am 30. Januar 1933 „die Lichter im Grunewald verlöschten“ (und nicht nur dort). Carl von Ossietzky auf der letzten SDS-Versammlung: „Wir werden uns wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen...“ Gespannt darf man auf den zweiten Teil der Memoiren sein – über die harten Jahre der Emigration. (Ammann Verlag, Zürich, 1983; 231 S., 30,– DM.)

Thomas B. Schumann

„Verweile doch“, Roman von Hans Heinz Hahnl. Nun hat er seine zweifelhafte, verzweifelte Heiterkeit dem Kriminalroman zugewandt, auf der Suche nach Mustern für das schwarze Garn, das er verarbeitet. Diesmal ist’s ein Zopf aus drei Strängen: Die Mordkommission will herauskriegen, warum eine Fabrikantengattin samt Hund erschossen worden ist, zweitens wird nach einem Gangster und Frauenhelden gefahndet. Diesen Aktionen kommt drittens ein Privatgelehrter in die Quere, der aus seiner Perversion ein philosophisches Ziel gemacht hat: den Höhepunkt des Lebens zu verewigen. Daher der faustische Buchtitel „Verweile doch ...“ Hier bedeutet er in praxi, Leute beim Orgasmus zu erschießen. Der Autor möge diese Direktheit verzeihen, aber ich muß rasch überschauen lassen, was er zwar manchmal pfiffig und heiter ausschweifend, im Ganzen aber allzu umschweifig entwickelt hat. Ich bin kein Krimi-Leser, sogar bei mir hat er aber Sehnsucht nach einem „richtigen“ Kriminalroman geweckt. Mit dem Krimi kokettieren, ohne die Gattung zu erfüllen, das frustriert. „Alle Kriminalfälle gehen trist und unbefriedigend aus“, seufzt ein Mitglied der Mordkommission. Anscheinend hat der Privatgelehrte die Fabrikantengattin ins Jenseits befördert. Aber auf einem morgendlichen Waldspaziergang mit Hund. Das wäre ein philosophischer Lapsus gewesen, nämlich glatter Mord an Hund und Herrin. Es sei denn, sie waren bei Sodomie erwischt worden. Aber davon bei Hahnl nicht einmal die Spur einer Andeutung. Dies nur, um plausibel zu machen, daß man den Hahnl leicht überhahnln könnte. Es ist zu beliebig, sein Gedankenspiel. Wenn auch real in Wien lokalisiert. Verbales Patchwork. (Europaverlag Wien/München, 1983; 203 S., 32,– DM.) Hans Daiber

„Niedersächsisches Lesebuch“, ausgewählt und eingeleitet von Jürgen Eyssen und Dietmar Storch. „Niedersächsisches Lesebuch“ – das ist ein schlichter Titel. Dahinter zeigt sich mehr als eine gewöhnliche Sammlung von historisch und literarisch gehaltvollen Texten. Hier schreiben nicht nur Autoren aus Niedersachsen über Land und Leute, sondern auch Besucher und Reisende aus aller Welt: Tacitus und Fontane, Eichendorff und Goethe, Karl Jacob Burckhardt und Heinrich Heine, aber durchaus nicht in historischer Folge. Die Inhalte, nicht die Autoren bestimmen die Reihung. Die gewählten Stücke sind meistens kurz, und so konnten mehr als zweihundert Texte aufgenommen werden. Das Buch ist also abwechslungsreich. Da gibt es neben der frischen Erzählweise in den Lebenserinnerungen von Wilhelm Busch das gedrechselte Schreibdeutsch einer Fürstin. Da ist das hervorragend übersetzte Altdeutsch von Thangmar, der uns den kunstverständigen Bischof Bernwald von Hildesheim beschreibt, und da liest man ein Stück aus der Korrespondenz des 81jährigen Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig mit dem Philosophen Leibniz über – Romane. Und es ist bezeichnend, daß sich beim älteren Goethe auch eine Grenze seiner „ästhetischen“ Fähigkeit offenbart: er erwähnt bei Pyrmont die kleine Kirche in Lügde, aber ohne ein Wort über ihre urwüchsige Kraft. Passend haben das letzte Wort zwei Männer aus der Welt der Bücher: Erhart Kästner und Karl Krolow. Daneben gibt es köstliche Beispiele von Unbekannten: so schreibt ein Fräulein aus eigener Erfahrung über Mädchenjahre einer Göttinger Professorentochter. Göttingen, die Universität ist ein geistiger Mittelpunkt des Lesebuches. Und es war sinnvoll, nicht nur den berühmten Protest der sieben Göttinger Professoren gegen die Willkür ihres Königs von 1837 abzudrucken, sondern auch die Erklärung der Göttinger Achtzehn von 1972 über eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik. (Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 1983; 576 S., 48,–DM.) Hans Kasdorff