Hannover: „Zwischen Plastik und Malerei“

Den Eintritt zur Ausstellung muß sich der Besucher erobern: Zehn riesige Kunststoffboller der beiden Schweizer Bildhauer Peter Fischli und David Weiss bedrängen ihn im ersten Raum. Provokant farbige Reliefs, die auf allen Seiten dieser schulterhohen Boller eingeschnitzt sind, ziehen ihn vor und zurück. Relikte aus Alltag, Karneval, Urlaub und archaischem Mythos erheitern in ihrer unförmigen Gestaltung, spornen die Neugierde an. Ohne eine vollständige Übersicht junger Plastik geben zu wollen, macht die Ausstellung mit einer eher subjektiv und zufällig ausgewählten Gruppe junger Bildhauer bekannt. Gemeinsame Kennzeichen der ausgestellten Gebilde sind die gegenständlichen Motive, die teilweise überbordende Freude an farbigen Fassungen und die Allerweltsmaterialien, aus denen die Werke entstanden sind. Kohle, Plastikstreifen, Glassplitter und Beton sind die Elemente, aus denen Rainer Mangs Figuren bestehen. Armiereisen, Plastikbahnen und Papier machen Frank Dornseifs Werke aus. Styropor, Gips, Pappmaché, alle Sorten von verwendbarem Müll sind die Werkstoffe der anderen Künstler. Diese Plastiken sind nicht wertvoll, schwer und gediegen. Im Gegenteil: sie wollen täuschen, lustig, bunt und aufreizend sein. Sie strahlen keine stille Schönheit aus, vermittelten nicht Würde oder die Anmut kostbaren Materials, nicht einmal auf Haltbarkeit wird Wert gelegt. (Aktuelle plastische Versuche der Maler en mode – Lüpertz, Baselitz oder Immendorff – erscheinen neben diesen raffinierten oder verspielten Objekten schwerblütig.) Neben den Kunststoffbollern erwecken besonders die aus Großstadtmüll hervorgewachsenen Phantasielandschaften von Gerd Rohling Interesse. Und hier wird augenscheinlich, wie oberflächlich der Eindruck fehlender Kunstfertigkeit war. Alte Pappkartons, Teile von Plastikkanistern, rostige Blechdosen, Glanzpapier und altes Spielzeug hat Rohling benutzt, um hintergründige Parodien auf ein von Abenteuersehnsucht und leichtlebiger Oberflächlichkeit geprägtes Großstadtleben zu schaffen. Verborgen in der Ecke entdeckt der Neugierige die Slums und Schrotthaufen, der sonst nur im Vordergrund die bunte glänzende Großartigkeit der Wolkenkratzer, Schnellstraßen und Werbeflächen wahrnimmt. (Kunstverein bis zum 18. März, Haus am Waldsee Berlin vom 30. März bis 13. Mai. Katalog DM 22,-) Elke von Radziewsky

Köln: „Cy Twombly

Seit 1957 lebt Cy Twombly, der Amerikaner und Generationsgenosse von Jasper Johns und Robert Rauschenberg, vorwiegend in Rom und Italien, und seit dieser Zeit sind seine von Kalligraphien und Chiffren wie im Traum oder Vorüberfliegen berührten Blätter und Leinwände voller mediterraner Mythologie und klassischer Literatur. Einem Europäer, einem Griechen oder Italiener gar, käme es wohl kaum in den Sinn, in dieser Weise die heimatlichen Geister und Götter zu beschwören (nur Anselm Kiefer ist da eine komplizierte Parallele), dazu braucht es schon einen Amerikaner. Die fünfzehn neuen Blätter von Twombly, alle zum Jahresende ’83 entstanden, alle im Format 100 cm mal 70 cm, alle mit Öl, Fettkreiden und gelegentlich Bleistift bearbeitet, weisen auf Xenophon hin, den Schüler des Sokrates, beziehungsweise seine Schrift „Anabasis“, den, so entnehme ich dem Brockhaus, „Bericht über den Feldzug gegen Artaxerxes und die Rückführung der Zehntausend“. Ich nehme an, daß Twombly, der Liebling der Poeten unter den Interpreten, den Text gelesen hat. Ich nehme an, daß fast alle Menschen, die vor diesen schönen, großen Zeichnungen stehen, den Text nicht gelesen haben. Macht das einen Unterschied? Ja, weil Twombly ganz offensichtlich wert legt auf die Erkennbarkeit seiner Quelle, die er gut entzifferbar zitiert. Nein, weil Twombly sich gewiß nicht als Illustrator versteht. Ja, weil die bei Twombly nicht unbekannte Selbststilisierung auch einen Hauch von Koketterie gewinnt. Nein, weil es eine heitere, die Augen und die Gedanken in befreiende Schwingungen versetzende Erfahrung ist, diese Blätter zu sehen, in denen auf eine für Twombly ungewöhnlich deutlich expressive Weise Farben gesetzt und Formen in Bewegung gebracht werden. Aber vielleicht sollte Twombly bei Ovid auch einmal die Geschichte des Sohnes des Flußgottes Kephisos nachlesen, Narziß hieß er. (Galerie Karsten Greve bis zum 25. März, Katalogbuch 40 DM) Petra Kipphoff

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Gustave Courbet – Les voyages secréts de M. Courbet“ und „Georges Senat – 6Zeichnungen“ (Staatliche Kunsthalle bis 11. 3., Katalog 45 bzw. 35 Mark)

Düsseldorf: „Skulptur und Macht – Figurative Plastik im Deutschland der 30er und 40er Jahre“ (Kunsthalle bis 18. 3., Katalog 25 Mark)