Von Carl-Christian Kaiser

Der Gast blieb doppelt so lange wie vorgesehen und ließ sich sogar, obwohl er schon gegessen hatte, zu einem neuen Imbiß einladen. Dem Gastgeber machte es keine Mühe, jene Atmosphäre aufgeräumter Ungezwungenheit zu schaffen, die er so schätzt. Beide erzählten sich viele Anekdoten über ihre politischen Anfänge, die der eine im Saarland, der andere in der Pfalz erlebt hat – eine deutsch-deutsche Szene, zwischen Erich Honecker und Helmut Kohl, letzte Woche in Moskau, als Jurij Andropow zu Grabe getragen wurde.

Dem Bundeskanzler wie dem Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden war daran gelegen, die Gelegenheit zu einem ersten persönlichen Treffen zu nutzen. Zuvor hatte es direkten Kontakt nur über jene Telephonleitungen zu den beiden Amtssitzen Honeckers gegeben, die bereits seit längerem bestehen; Kohl hat sie zwei- oder dreimal benutzt. Wie sehr nun auch dem SED-Chef an der unmittelbaren Bekanntschaft und an einem öffentlichen Signal gelegen war, ließ sich daran erkennen, daß er nicht nur in das Gästehaus auf den Moskauer Leninhügeln kam, das dem Kanzler als Domizil diente, sondern daß er auch viele Journalisten aus der DDR mitbrachte. Am Ende zog er aus der Brusttasche sogar den Entwurf einer Pressemitteilung, die gemeinsam zu redigieren nur eine Sache von Minuten war.

Auch dieses Kommuniqué signalisiert die Bereitschaft, den Dialog fortzusetzen, zwischen Ost-Berlin und Bonn direkt als auch multilateral, auf der Stockholmer Sicherheits- und Abrüstungs-Konferenz und bei den Verhandlungen über eine Truppenreduzierung. Nicht anders steht es in dem Brief, mit dem Honecker gerade auf das Schreiben Kohls vom Dezember an alle Staats- und Parteichefs des Warschauer Pakts geantwortet hat, in dem es um die Fortführung der Gespräche nach dem Beginn der westlichen Raketen-Nachrüstung ging. Wenn sich auch die Vormächte noch nicht bewegen, so versuchen sich ihre Schutzbefohlenen doch in neuen Lockerungsübungen.

Da fügt sich die Moskauer Begegnung vollkommen ins Bild. Ohnehin hat die Bonner Delegation dort einen sehr souveränen Staatsratsvorsitzenden erlebt. Jegliche Befangenheit im deutsch-deutschen Umgang gehört sowieso der Vergangenheit an. Honecker macht der Wechsel im Kreml augenscheinlich keine Sorgen. Vielmehr ist Andropows Nachfolger Konstantin Tschernjenko für ihn ein alter und offenkundig auch guter Bekannter. Desto gewichtiger ist seine Aussage, daß er keine wesentlichen neuen Akzente erwartet.

Von Bedeutung erschien den Bonnern auch, daß Honecker geradewegs von Außenminister Gromyko kam, dessen Position nach der Moskauer Veränderung noch stärker veranschlagt wird als zuvor. Hatte der SED-Chef die Gewißheit erhalten, daß es bei seinem ziemlich großen Spielraum in den innerdeutschen Angelegenheiten und auch für seine Westpolitik bleibt? Zu dieser Bewegungsfreiheit trägt nach Bonner Einschätzung wiederum bei, daß Honecker fester im Sattel sitzt als jemals vorher und daß die Industriemacht DDR, deren Wirtschaftskurven auch im letzten Jahr nach oben wiesen, um so größeren Einfluß gewinnt, je schwerer der Ostblock insgesamt seine ökonomischen Probleme meistert.

Zum Bild des gegenwärtigen Ost-West-Verhältnisses gehört freilich auch, daß das Moskauer Treffen über Signale zur Verbesserung – im deutschen Fall: zur Bewahrung – der Atmosphäre nicht hinausgegangen ist. Die Einladung an Erich Honecker zu einem Besuch in der Bundesrepublik ist bekräftigt worden; wann er jedoch kommt, steht entgegen allen Mutmaßungen weiter in den Sternen. Auf jeden Fall wird Honecker abwarten wollen, welche Politik die neue Moskauer Führung einschlagen wird. Offen bleibt auch, ob der Kreml eine solche Reise vor der Wahl in Amerika angebracht findet,