Essen

Was ehemals Adelskreisen und vornehmen Bürgerfamilien vorbehalten war – in kleiner Runde zur abendlichen Entspannung und Unterhaltung den Vorträgen aus Werken der Weltliteratur zu lauschen das wollen zwei Künstler im Zeitalter der neuen Medien wieder in Mode bringen. Vor zwei Monaten gründeten die Schauspieler Friederike Schmidt und Thomas Ney in Essen die „Literaturbrücke“, einen Vorlese-Dienst für jedermann – Schüler, Hausfrauen, Arbeiter, Bankdirektoren. Die beiden kommen ins Haus, in die Fabrik oder in den Buchladen an der Ecke und lesen vor zu offiziellen wie inoffiziellen Gelegenheiten: bei Hochzeiten, Geburtstagen, Betriebsfesten, Abendgesellschaften. Die „Literatur auf Bestellung“ kann – und soll – der Zuhörer selbst auswählen.

Die beiden Literatur-Brückenbauer glauben, daß Fernseh- und Kinofilme heute kaum noch Raum lassen für die eigene Phantasie; sie wollen wieder Vorstellungen und Gefühle wecken, die beim reinen Zuhören angesprochen werden. Die 38jährige Friederike Schmidt, Mutter einer achtjährigen Tochter, möchte nach 15 Jahren als Schauspielerin, Regisseurin und Theaterautorin vorerst kein Publikum mehr im Halbdunkel vor der Bühne, „das sich die fertigen Geschichten vorsetzen läßt und verlernt hat, sich dabei eine eigene Gefühls- und Gedankenwelt aufzubauen“. Und der 26jährige Thomas Ney, gelernter Buchhändler und Solist diverser literarischer und kabarettistischer Programme im Ruhrgebiet, wollte weg von der „kopflastigen Analyse und mal wieder das Gefühl im Bauch ansprechen“, einen emotionalen Ausgleich schaffen zum multimedialen Angebot. Zum Angebot gehört, „mit Lederstrumpf wieder am Lagerfeuer zu sitzen oder mit Bastian in die „Unendliche Geschichte‘ der Nachtalben und Irrlichter einzutauchen“.

Leben können die beiden Schauspieler von ihrem „Traumjob“ nicht. Bis zu vier Wochen brauchen sie, sich auf gewünschte Texte vorzubereiten, mit verteilten Rollen aus dem gedruckten Wort eine erlebbare Geschichte zu gestalten. So ein Vorleseabend kostet dann zwischen 400 und 800 Mark, je nach Vorbereitungszeit, Fahrtkosten und finanziellen Möglichkeiten des Auftraggebers.

Ein Preis, den ein Buchhändler wahrscheinlich noch bezahlen kann, auch ein literaturbegeisterter Verein, wenn die Mitglieder zusammenlegen. Doch ein Familienvater muß da schnell passen. Und die Leitung eines Altenheimes war direkt erschrocken, als sie am Telephon die Honorarhöhe erfuhr – sie hatte mit dreißig Mark gerechnet.

Vielleicht aber Literatur statt einem kalten Büfett – und anschließend eine Erbsensuppe? So jedenfalls könnte nach Ansicht der beiden Essener ein Alternativvorschlag zur Gestaltung des „besonderen Abends mit Freunden oder Verwandten“ aussehen, bei dem dann jeder auf seine Kosten käme.

„Aber mehr als der Preis“, erfuhren die beiden Bücherfreunde, „schreckt noch das Wort Literatur. Denn viele verbinden damit einen intellektuelllen Anspruch, dem sie sich nicht gewachsen glauben – und dem wir ja gerade entgegenwirken wollen.“ Sie wollen nicht neue elitäre Literaturzirkel fördern, sondern für jeden dasein, sei er nun ein Freund von Busch, Böll oder Andersen.

Monika Engels