Von Karl-Heinz Wocker

London

Der Kaiser Caligula machte sein Pferd zum Konsul, der Premierminister Callaghan seinen Schwiegersohn zum Botschafter. Präzedenzfälle dieser Art werden derzeit in England gern zitiert, wenn es um Mark Thatchers Geschäfte geht. Die Mutter hatte geglaubt, sich eine Weile taub zu stellen und die neuentdeckte Aktivität ihres Sohnes zur Privatsache erklären zu können. Aber diesmal geht es um 1,2 Milliarden Mark und, wie immer in solchen Affären, auch um einiges mehr, nämlich um die erlaubte oder unerlaubte Teilhabe lieber Angehöriger an der Macht. Cäsars Frau hat über jeden Verdacht erhaben zu sein – das gilt auch, wenn Cäsar selbst eine Frau ist.

Lange Zeit dachten die Briten, es sei „Cäsars Ehemann“, also Denis Thatcher, – der nicht so recht wisse, wo die Grenzen liegen. Als er dem Minister für Walisische Angelegenheiten auf Downing-Street-10-Papier schrieb und in einer Bausache für eine Firma intervenierte, mit der er, Denis Thatcher, geschäftlich liiert war, gab es einen kleinen Entrüstungssturm, die Cäsarin soll – zumindest bildlich – mit dem Familienporzellan um sich geworfen haben. Aber während der Ehemann die Businesswelt sehr gut kennt und seine Schafe im trockenen hat, galt Sohn Mark als ökonomischer Fehlschlag. Auf dem Internat von Harrow – dahin geht man, wenn’s für Eton nicht reicht, siehe Churchill – glänzte er in Leibesübungen. Das, sagen seine Schmäher spöttisch, sei das einzige Fach, das er auch später wirklich beherrschte. Es folgten serienweise Lehrtätigkeiten, vom Vater vermittelt, in Hongkong, Südafrika und dem Nahen Osten. Eine Ausbildung als Buchhalter wurde nicht beendet. Mark entdeckte die Rennstrecken, den schnellen Weg zum Ziel voll winkender Blondinen. Sein Handicap: Er hatte kein Geld.

Denn sein Millionärsvater und seine ehrgeizige Anwaltsmutter, die sich auf dem Weg in eine Politik der Sparsamkeit befand, sahen beide nicht ein, warum sie die teuren Sportambitionen des Amateurfahrers finanzieren sollten. Der wiederum erblickte nichts Schlimmes darin, sich die fehlenden Mäzene anderswo zu suchen. Kaum war Mutti zur Premierministerin gewählt, trudelten die Offerten ein. Mark Thatcher nahm sie, wie sie; kamen: Er warb für Whisky im amerikanischen Fernsehen und für eine japanische Textilfirma auf seinen Rennanzügen in Brand’s Hatch.

Es hagelte Proteste, national verbrämte, die natürlich der Politikerin galten und weniger dem Sohn. Die einheimische Bekleidungsindustrie fand es abgeschmackt, daß Mark die asiatische Konkurrenz unterstütze, während doch seine Mutter mit „kauft britisch“-Parolen durch die Welt reise. Die Gewerkschaften freuten sich, ausnahmsweise mit der Industrie ganz einer Meinung sein zu können. Schade, daß nichts aus dem Handel wurde, den Mark Thatcher mit der Firma Durex abschließen wollte (schließlich brauchen auch Rennfahrer Präservative). Man hätte zu gern gewußt, ob er dann wenigstens als Förderer der (diesmal) britischen Textilindustrie gelobt worden wäre.

Tiefer ins Gebiet dessen, was konservative Wähler (und vor allem Wählerinnen) nicht ganz für schickliche Tätigkeiten halten, führte der Handel mit Paul Raymond, dessen Revue-Bar das Weib meist rein als solches zeigt und dessen Herren-Zeitschrift men only als Warenkennzeichnung in die Irre leitet, weil darin nur Frauen abgebildet sind. Raymond wollte Mark Thatchers Renngelüste als Sponsor finanzieren, wenn dafür auf dessen schnellem Schlitten für men only geworben werde. Das Fernsehen drohte den Wagen nicht ablichten zu wollen; damit entfiel der Reiz für den Barbusenboß. Hinter den Kulissen flogen aber auch wieder mütterliche Kraftausdrücke.