Von Dietrich Strothmann

Wer immer wieder, auch nach so langer Zeit noch, darüber schreibt und sich wieder und wieder der Gefahr ausgesetzt sieht, gerade darüber fast seinen Verstand zu verlieren (genauso heißt es in unserer munteren Umgangssprache) – der gerät, will er nicht nur einfach stumm bleiben, leicht ins Feierliche, Pathetische, ja Schwärmerische. Auch, wenn er immer wieder über Auschwitz schreibt. Oder über die, die entkamen. Über Juden also, über Israelis.

Ich jedenfalls, der ich mich nach mehr als fünfzehn Jahren regelmäßiger Berichterstattung und Kommentierung über „israelische Angelegenheiten“ in dieser Zeitung (und nach knapp fünfundzwanzig Reisen in dieses Land, ebenso vielen übrigens auch zu seinen arabischen Nachbarn) an diesem Thema wundgeschrieben habe – ich komme nicht davon los. Das lag, natürlich, an mir oder auch am Zufall: daß ich aus gegebenen politischen Anlässen in Jerusalem, aber auch in Kairo, Amman, Beirut oder Damaskus war, wenn ich gerade vorher oder nachher in Frankfurt, München, Köln, Düsseldorf oder Kiel in einem der Gerichtssäle war, wo es auch um Juden ging. Wo sich Juden an Auschwitz, Treblinka und an Maidanek, an Boger, die blutige Brygida, an Lischka und an Harster erinnern mußten.

Ich komme nicht davon los. Und darum fürchte ich mich auch jedesmal wieder, ins Feierliche oder Pathetische zu verfallen, wenn ich mich abquäle, mir vorzustellen, wie ein „normaler“ Tag in Auschwitz ablief. Wie es war, wenn an der Rampe der Mann von seiner Frau, die Mutter von ihrem Kind getrennt wurde. Wie es war, wenn sich die Mädchen nackt ausziehen und in die Kammer gehen mußten, wo dann das Gas aus den Düsen an der Decke kam ...

Nachdem ich mir das in den vergangenen Jahren so oft „gut“ vorgestellt habe, nachdem ich viel darüber gelesen, und viel im Kino, im Fernsehen und auf Bildern gesehen habe, weiß ich: Es kann einem die nüchterne Sprache rauben, deren sich doch gerade Journalisten stets befleißigen sollten ...

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Ein Zitat aus meinem „Poesiealbum“, das ich die Jahre über zu diesem „atemberaubenden“ Thema führe: Als Gerhart Hauptmann den Untergang Dresdens im März 1945 erlebte, notierte er: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es hier wieder.“