Von Hans Schiemann

Klio scheuen ihren Tempel. Morgen kommt Polyhymnia! Mit Eimern, Tüchern, Bürsten, Besen, den Attributen der Sauberkeit, eilen der Muse Dienerinnen von Raum zu Raum. Schmierseife beißt in die Böden, will den Geruch von Holz, Hanf und Teer vertreiben. Die Geschichte ist in Atemnot.

Endlich hat jemand ein Einsehen und öffnet die Fenster zum Oslofjord. Gleich vor dem Norwegischen Seefahrtsmuseum hasten Fähren und Bar kassen durch die Gegenwart und werfen Wellen ans Ufer der Vergangenheit. Die grüne Halbinsel Bygdøy im Südwesten der Stadt ist ausgedienten Fahrzeugen der Meere trockene Bleibe.

Wie kaum ein anderes Volk polieren die Norweger ihre jahrtausendealte maritime Tradition. Das Farbenspiel des maritimen Museumskomplexes, das Rot des Ziegelbugs, das Grün der zeltförmigen Dächer sind Passagieren der großen Schiffe, wenn sie vom Meer kommen und auf Bygdøy blicken, Aufbruchsignal. Denn schon legen die Festmacher ihre Leben klar.

Aus den großen Fenstern in der Spitze des Museums-Bugs ist das zu sehen. Auf blanken Planken stehen Väter hier feierlich am Ruder, während die Söhne Ausguck halten. Die Neugier treibt sie aber bald zu aufregenden Expeditionen in das Museumsinnere. Ein Motor muß in Gang gesetzt, eine Crew aus Seenot geborgen werden, mit Tauchern untersuchen sie ein Wrack, starren ins Radargerät, zünden Walharpunen und -kanonen. Aus dem düsteren Bauch eines Küstendampfers rufen sie Kommandos herauf, sind an Deck Matrosen und auf der Brücke Admiral. Vom Ruderboot – in einer eigenen Halle nebenan – zum Mammuttanker, vom Dampf zum Diesel – sie spielen sich durch die norwegische Geschichte und Kultur der Seefahrt.

Barbusige Galionsfiguren lächeln sibyllinisch. Ihre Holzgesichter verraten Vorfreude auf die Muse des Gesangs. Den Großen der Tonkunst gehört der folgende Tag, das Museum lädt ein zu einem seiner Konzerte. Herrschaften in feiner Garderobe nehmen in der Halle Platz, während im Restaurant auf der Galerie Pulloverträger Krabben puhlen.

Der Japaner im benachbarten „Fram“-Museum verrenkt sich schier den Hals. Die Perspektive fordert ihren Tribut. Er rennt und rutscht mit der Kamera um das gewaltige Schiff, verharrt kniend für den feierlichen Moment des Auslösens und läßt sich schier vom wulstigen Bug überfahren. Eisbären haben wohl so die „Fram“ gesehen, als sie unter Nansen und Amundsen in den höchsten Norden und tiefsten Süden, in die Nähe der Pole, drang. Das Flaggschiff der großen norwegischen Forscher half Nansens Strömungstheorie zu beweisen. Es hielt erdrückenden Treibeismassen stand. Eine ausgesuchte Mannschaft verbrachte in dieser Arche entbehrungsreiche Jahre, aufregende Minuten verspricht die Kletterei in ihrem Innern.