Im winterlichen Moskau ist noch nicht viel von Konstantin Tschernjenko zu spüren

Von Johannes Grotzky

Moskau, im Februar

Mit einem groben Strohbesen klopft die Putzfrau frisch gefallenen Schnee von der Blumenpracht und glättet die roten Schärpen mit den Goldlettern. Behutsam fegt sie danach eine kleine Fläche vor ihren Füßen blank. Neugierig verfolgen Touristen aus der Ferne die Bewegung und tuscheln leise: „Dort muß es sein, da liegt er.“ Gemeint ist Moskaus neueste Sehenswürdigkeit, das Grab des Staats- und Parteichefs Andropow am Roten Platz, das auch eine Woche nach der Beerdigung durch seinen Blumenschmuck deutlich an der Kreml-Mauer auszumachen ist. Wo später einmal ein Gedenkstein aufgestellt werden soll, reflektiert vorerst ein metallblitzender Ährenring mit Hammer und Sichel das fahle Winterlicht.

Noch gibt die sowjetische Hauptstadt nicht zu erkennen, ob mit Andropows Tod eine Ära oder doch nur eine Episode zu Ende gegangen ist. Die Trauerbeflaggung und die schwarz-rotumrandeten Gedenkbilder sind schnell aus dem Stadtbild verschwunden. Der neue Mann im Amt ist den Menschen noch nicht präsent. Die Verkäuferin im „Haus der Bücher“ am Kalinin-Prospekt schüttelt jedenfalls heftig den Kopf: „Nein, Tschernjenko-Poster gibt es noch nicht. Da müssen Sie warten. Wir haben aber noch Andropow auf Lager.“ Nur in der Abteilung für politische Literatur macht sich der Wachwechsel bemerkbar. Es gibt Titel über die Parteiarbeit, und eine Neuauflage seiner gesammelten Reden ist Ende Januar, also gerade rechtzeitig, erschienen. Keines der imposanten Werke ist unter vierhundert Seiten stark. Dem Interessenten möchte die Händlerin gleich alle Bücher verkaufen, „weil man sie ja sowieso in der nächsten Zeit brauchen wird“.

Die erste Überraschung nach Tschernjenkos Wahl zum Generalsekretär der KPdSU kostet nur zehn Kopeken: eine 32seitige Broschüre mit den Materialien des außerordentlichen ZK-Plenums, auf dem die Nachfolge-Entscheidung gefallen war. Sie enthält nicht nur die bereits veröffentlichten Reden, sondern auch eine 29 Zeilen lange Ansprache des Politbüro-Mitgliedes Michail Gorbatschow. Von ihm war stets die Rede gewesen, wenn es um eine Alternative zum 72iährigen Tschernjenko ging. Nicht wenige Beobachter sahen in der Wahl Tschernjenkos eine Entscheidung gegen Gorbatschow, den erst 53jährigen Landwirtschaftsfachmann, ZK-Sekretär und Repräsentanten der sogenannten Junioren-Riege in der obersten Parteiführung.

Nun wird dieses Bild zurechtgerückt. Gorbatschow durfte nicht nur die einmütige Wahl Tschernjenkos vor dem Plenum feststellen, er verschaffte sich mit den Worten „Das Plenum ist beendet“ auch protokollarischen Respekt, der zukunftsträchtig sein kann. Offenbar hat Gorbatschow die Sondersitzung des ZK geleitet, was seine Bedeutung im Politbüro belegt. So erklärt sich jetzt auch die Formation der Parteiführung bei der Trauerfeier für Andropow. Da nämlich wurde der designierte Andropow-Nachfolger links flankiert von Regierungschef Tichonow und an seiner rechten, protokollarisch bedeutenderen Seite Gorbatschow.