Der Zoologe Ernst Haeckel, der Darwins Evolutionstheorie in Deutschland populär machte, begann 1899 mit der Publikation der „Kunstformen der Natur“ (im gleichen Jahr erschienen auch seine „Welträtsel“, eines der meistdiskutierten Bücher jener Zeit! Das Vorwort zur ersten Lieferung dieses opulenten Tafelwerks leitete Haeckel ein mit dem kühnen Satz: „Die Natur erzeugt in ihrem Schoße eine unerschöpfliche Fülle von wunderbaren Gestalten, durch deren Schönheit und Mannigfaltigkeit alle vom Menschen geschaffenen Kunstformen weitaus übertroffen werden.“ Diese Behauptung klang um so überraschender, als Haeckel vorhatte, hauptsächlich die „zierlichen und phantastischen Formen“ von Einzellern, von „einfachsten Organismen“ also, aufzuzeigen.

Für viele Jugendstil-Künstler sind Haeckels „Kunstformen der Natur“ zu einer Vorlagensammlung geworden, die ihre Phantasie anregte. Die ornamental wirkenden Formen einer Staatsqualle wurden zum irisierenden Dekor einer Vase, eine andere, glockenförmige Qualle verwandelte sich in einen Lüster, aus den Verästelungen eines Farns entstand die Ausschmückung eines Treppenhauses, und schließlich entwickelte sich Hermann Obrists „Peitschenhieb“ aus einer solchen Unterwasserblume.

Die Ausstellung „Jugendstil: Floral, funktional“ im Bayerischen Nationalmuseum München zeigt die Querverbindungen einmal mit wünschenswerter Deutlichkeit auf, in den Schauräumen selbst (hier liegen Haeckels Werk und von ihm angeregte weitere Publikationen aus) und, genauer noch, in dem schön gedruckten Katalog. Anlaß der Ausstellung war der Ankauf der Jugendstil-Sammlung von Siegfried Wichmann, mit dem das Museum einen entscheidenden Schritt über den Historismus hinaus in Richtung Moderne getan und so – chronologisch gesehen – eine Anbindung an die Bestände der benachbarten Neuen Sammlung erreicht hat. Die Vorstellung der Neuerwerbungen erweitert sich durch eine Reihe weiterer Stücke, Leihgaben deutscher und österreichischer Museen, sowie aus Privatbesitz, zu einem Panorama des Jugendstils in zwei seiner Zentren: München und Wien, mit Ausblicken wenigstens auf Glasgow und Nancy.

Mit den Begriffen floral und funktional ist das Janusköpfige dieser Kunst angesprochen, ihre zwei Tendenzen, die letztlich nicht unter einen Hut zu bringen sind. Der Ausdruck „konstruktiver Jugendstil“ enthält eigentlich eine contradictio in adiecto, ist aber unvermeidlich, da der Terminus Jugendstil nicht durch einen anderen ersetzbar ist. In Glasgow, wo die konstruktiven Tendenzen erstmals sichtbar werden, könnte man sie zwar dem Arts and Grafts Movement zuordnen, und für die Wiener konstruktive Richtung bietet sich das Etikett „Secessionskunst“ an – viel wäre dabei aber nicht gewonnen. Falls man sich hierzulande nicht entschließt, den doch regionalen Begriff Jugendstil dem übergreifenden des art nouveau unterzuordnen, bleiben solche terminologische Schwierigkeiten bestehen.

Was also ist, nolens, volens, konstruktiver Jugendstil? Letztlich eine Auffassung von Kunst, die in Adolf Loos’ berühmten! Diktum gipfelt: Das Ornament ist Verbrechen. Oder wenigstens, wie Loos’ Landsmann und Zeitgenosse, der Wiener Josef Hoffmann formulierte, das Ergebnis einer Überlegung, daß jede Form zunächst konstruktiven Bedingungen genügt, ehe sie dann zu einer Form der Kunst wird. Loos, der wohl wußte, daß er zu den Wegbereitern jenes anderen Jugendstils gehörte (und auch, daß er, wie er glaubte, einen falschen Weg gewiesen hatte), stellte sarkastisch fest, jetzt müßten „unsere Kanalgitter herhalten, den Dekor für Blumenvasen und Fruchtschalen zu liefern“. Gemeint waren die in den Wiener Werkstätten hergestellten Gegenstände, die als Dekor ein gestanztes Quadratmuster zeigten oder, wo der Körper des Gefäßes nicht durchgebrochen war, ein Schachbrettmuster.

Man kann natürlich sagen, daß diese weißgestrichenen Objekte, Deckeldose, Schirmständer oder Tafelaufsatz, durch ihre einfache, klare Gestaltung elegant wirken. Es bleibt aber die Tatsache, daß hier ein architektonisches Prinzip auf Gebrauchsgegenstände kleinen Formats angewandt war (amüsanterweise hat gerade Adolf Loos mit seinem Haus am Michaelerplatz in Wien gezeigt daß dieses Prinzip nur in der Architektur funktionierte), und aus unangemessener Übertragung entstand eben das, was man – mit negativen Vorzeichen – Kunstgewerbe nennt. (Bis zum 1. April; Katalog 48 Mark)

Helmut Schneider