Von Ulrich Schiller

Washington, im Februar

Mit Bajonetten kann man eine Menge anfangen – nur darauf sitzen kann man nicht.“ Dies ist, aus dem Munde eines Beamten im amerikanischen Außenministerium, die vielleicht anschaulichste und zugleich einfachste Erklärung dafür, warum die Marines jetzt auf die Schiffe in den libanesischen Küstengewässern zurückgenommen werden. Amerika muß eine außenpolitische Niederlage einstecken, aber nach der in Washington vorherrschenden Ansicht heißt der, der dafür Federn lassen muß, nicht Ronald Reagan, sondern George Shultz.

Die Wartestellung der amerikanischen Marine-Infanteristen auf dem Präsentierteller des Beiruter Flughafengeländes ist sinnlos geworden. Wenn es ihre Aufgabe gewesen war – wie Reagans Sicherheitsberater Robert McFarlane erläuterte –, den sechsten syrisch-israelischen Krieg zu verhindern, so wurde diese Mission in jenem Augenblick gegenstandslos, als das libanesisch-israelische Truppenabzugsabkommen vom 17. Mai 1983 in die Brüche ging. Auch ein anderer, von der Reagan-Regierung je nach Bedarf angeführte Auftrag der „Friedenssoldaten“ – eine libanesische Zentralregierung unter Präsident Amin Gemayel zu stabilisieren –, ist hinfällig geworden, seit die Autorität dieser Regierung auf die Umgebung des Präsidentenpalais zusammengeschrumpft ist. Überdies ist die Armee Gemayels, der die Marines Rückgrat geben sollten, in ihre religiösen Segmente auseinandergebrochen.

Niemand in Washington wollte noch einmal Bilder wie bei der verzweifelten Räumung von Saigon sehen, und nichts wäre für Ronald Reagan im Wahljahr schlimmer gewesen als dies. Nun soll der geordnete Rückzug auf die Schiffe in dreißig Tagen abgeschlossen sein. Aber was dann?

Sicherheitsberater McFarlane behauptet, die 1400 Mann würden auf den Schiffen vor Ort bleiben und für jeden Einsatz bereitstehen. Auf keinen Fall will Washington die Flotteneinheiten aus den libanesischen Küstengewässern zurückziehen, wie das die Syrer und die Sowjets als Voraussetzung für eine Stationierung von UN-Friedenstruppen gefordert haben.

Amerikas Öffentlichkeit hat noch nicht vergessen, wie Präsident Reagan die Stationierung in Beirut gegen den wachsenden Unwillen im Kongreß mit dem Argument verteidigte, die Infanterie sten hätten ein strategisch wichtiges Gebiet im Nahen Osten gegen den Zugriff der östlichen Supermacht und terroristischer Kräfte zu halten. Mitte letzter Woche – die Entscheidung war schon Anfang Februar gefallen – schaltete er plötzlich um und erweckte den Eindruck, als sei ihn das libanesisch-israelische Truppenrückzugsabkommen nie etwas angegangen. Dabei war es unter aktiver amerikanischer Mitwirkung zustande gekommen. Außenminister Shultz hatte dafür die Patenschaft in Anspruch genommen. Es war die einzige diplomatische Errungenschaft seiner bisherigen Amtszeit, und er pochte auch dann noch darauf, als sich der Präsident zwei Stunden zuvor davon bereits distanziert hatte. Shultz hat den Fehler begangen, an das zwischen Gemayel und den Israelis vereinbarte Abkommen auch den Abzug der Syrer aus dem Libanon zu koppeln und somit Damaskus, da es dazu nicht bereit war, ein Vetorecht über den Vertrag einzuräumen.