Keine Angst, daß sie dich schnappen?“ – Tore lacht und kreuzt die Handgelenke, als habe ihm die Polizei schon Fesseln angelegt. Schnapsbrennen betreibt er nun mal mit Feuereifer, und er hätte kein Wikingerblut, würde er der Staatsgewalt nicht trotzen. Dem Destillationsapparat im Badezimmer seines Großvaters will er auch an diesem Wochenende Dampf machen. Soldat Tore hat seine „Braut“ dem Spind anvertraut. Sein Daumensignal hat uns bei Harstad auf der Insel Hinnoy gestoppt. Nach A will er, ein Dorf, das wie ein Möwenschiß auf dem hintersten Lofotenzipfel liegt.

Krumm ist der Weg nach Westen und voller scharfer Steine, von denen im Gegenverkehr manch einer gegen die Windschutzscheibe schlägt. Launisch ist dieser Junitag, Regen hat die strahlende Sonne verdrängt. Aus dem nassen Schleier erwächst eine wundersame Gesellschaft: Bergriesen in schwarzen Mänteln starren grübelnd auf die weißen und roten Hausschachteln zu ihren Füßen. Spitze Zinnen stechen in tief herabhängende Wolken. Felsenburgen, unbezwingbar und undurchdringlich, türmen sich auf. In wilden Schwüngen führt die Straße darunter her.

Mehr und mehr werden die spinnbeinigen Betonbrücken von Schiffen abgelöst, je tiefer wir eindringen in den Nordmeer-Archipel. Sunde und Fjorde zwingen die Autotouristen auf die Fähren, Kolonne um Kolonne setzt über. Mit der Wärme des Sommers und seinem nicht endenwollenden Licht kommen die Touristen, Deutsche vor allem, die stolz ihre Nordkap-Aufkleber beim Abstecher zu den Inselalpen spazierenfahren. Nummernschilder aus Füssen und Hamm, aus Coburg und Pinneberg huschen vorbei, und wir möchten die belebte Straße fliehen. Doch enden Abzweigungen meist in der Sackgasse. Jetzt, in den Ferien, müssen wir die Hauptschlagader mit anderen teilen.

Die mehr als achtzig dicht beieinander liegenden Inseln aus Granit und Vulkangestein haben die knapp 25 000 Sommertouristen so nötig wie die Jagd auf den Fisch. Zwischen Januar und April bricht sich das Tuckern der Dieselmotoren an steilen Felswänden. Rastlos wie im Fieber entreißen die Fischer dem Meer die glitschige Beute. Wie seit Jahrhunderten. 150 000 Tonnen Fisch verzeichnet der Saisonrekord. Bis zu 3000 Schiffe mit 10 000 Fischern gehen im März auf Kabeljaufang.

Im Winter jagen sie den Dorsch; Ruhe finden die Fischer dann in den Rorbu, den Pfahlhütten, die auch ihre Habseligkeiten und Gerätschaften aufnehmen und im Sommer karge, aber gemütliche Bleibe für Touristen sind. Die Rorbu (sprich bü) haben ihren Namen von den Rudern (ror), die dort aufbewahrt werden. Schmuck sind sie, die meist ochsenblutrot gestrichenen und mit weißen Kanten abgesetzten Gebäude, blitzsauber sind sie alle.

Eine Fähre versage ihren Dienst auf dem Weg nach A, erfährt Tore von der Kaufmannsfrau im Landhandel. Also beziehen auch wir eine Rorbu in Kabelvag, das seine einst führende Rolle im Fischfang an das benachbarte Svolvaer, die 4000 Einwohner zählende Hauptstadt der Lofoten, abgeben mußte.

Gras und vielerlei Blumen klammern sich auf der Dachschräge unserer Rorbu fest und verleihen diesem soliden Holzkasten ein heimeliges Gepräge. Ein Flur mit Schränken und Haken, dann der Wohnraum mit zwei doppelstöckigen Bettgestellen, Tisch und zwei Stühle, eine nackte Glühbirne, die von den Balken baumelt. Kalt bleibt der Eisenofen. Wir machen unseren Eintopf auf dem kleinen Elektroherd warm. Das Dessert ist flüssig: ein Schluck Whisky, der wärmt.