Auf einem einsamen, sonst unbewohnten Felseneiland zwei, drei Wochen Urlaub machen? Ohne fließend Wasser, ohne Strom, zum nächsten Laden eine hübsche Stunde mit dem Außenborder? Und das nun schön zum fünften Male? Selbst gute Freunde hatten nur ein Kopfschütteln für uns Robinsons. Doch unsere Vorfreude war unbändig, trotz dicker Wolken über Stockholm, als wir dort frühmorgens auf die Åland-Fähre rollten. Noch in den schwedischen Schären kam die Sonne durch. Das Islandtief zog nördlicher vorbei als angesagt.

Letzte Einkäufe in Mariehamn, dem Hauptort des autonomen Archipels. Dann noch eine Stunde Fahrt auf der Landstraße und auf der offenen Fähre, die diese Straße noch mal übers Wasser springen läßt. Endlich der schöne, alte, aus Holz erbaute Hof der Inseleigner. Auf der Treppe erwartet uns Anna-Lena in ihrem kleinen Schwarzen, sie hat drinnen Kaffee und dreierlei Kuchen aufgetischt und alle Türen weit geöffnet. Über die Willkommenstasse fällt der Blick auf die Paradekissen im Schlafgemach. Einar, Fischer und Bauer zugleich, trägt wie immer verschlissene Turnschuhe und die Gratis-Schirmmütze der Konsumvereinigung mit Grandezza. Er wäre Millionär, wenn er seine zwanzig Inseln verkaufen oder bebauen dürfte. Das Gesetz verbietet es.

Nach einem Schwatz verstauen wir Gepäck und Tüten in seinem ungedeckten Boot, dazu vier große Milchkannen mit Pumpenwasser, parken das Auto für die nächsten Wochen und legen ab. Enge Sunde, Schilfbuchten, kaum wahrnehmbare Untiefen, dann weitet sich der Wasserweg. Die grellen Seezeichen bleiben zurück, der Wald wird karger. Noch um eine Ecke, und da grüßt uns von der letzten der grünen Inseln die ochsenblutrote „stuga“, das Sommerhaus, keine drei Meter vom Felsenufer. Ein Sherry noch mit dem Fischer, dann sind wir allein ...

In der Nacht wiegt uns das Geräusch der Wellen in den Schlaf. Moreenbad im zwei Meter tiefen Naturhafen, mit schwimmender, auch in der Ostsee schäumenden Salzwasserseife. Frühstück im Windschatten. Dann der Wiederentdeckungsrundgang um unseren Mini-Kontinent. Möwen lärmen, Eiderenten fliegen auf, Tauchenten verschwinden seewärts unter Wasser. Eine braune Kreuzotter sonnt sich auf dichtem Moos. Wir pflücken Himbeeren von winzigen, im Wind sich duckenden Sträuchern, spannen ein Badmintonnetz auf der sommertrockenen Sumpfwiese, sammeln kurioses Schwemmgut, schauen uns die Augen satt an tausend Details und an den Konturen der vorgelagerten, fast ganz nackten Schären.

Jan, unser Sohn, baut schon eine Treibholzbrücke zur greifbar nahen Nachbarinsel, wir Eltern Suchen uns, Buch in der Hand, einen Sonnenwinkel. Das Bier zum Lunch bleibt unter der Treppe kühl – die Siesta halten wir, ein Kissen im Nacken, auf den seidig glatt geschliffenen Felsen. Schwäne gleiten in den Hafen und dann noch zwei weiße Wesen, Kajakfahrer, Hamburger in Matrosenblusen auf der Suche nach einem Zeltplatz. Wir öffnen ihnen die eben gebaute Brücke, seewärts steuern sie durch die schmale Passage.