Melancholien

Eine ganze Anthologie, wie jüngst vom Reclam-Verlag besorgt, läßt sich einrichten mit poetischen Beschreibungen der Melancholie. Kaum eine Gemütsverfassung hat so viele Abbilder hinterlassen in der Geschichte der Künste, der Dichtung vor allem. Da läßt sich unvermittelt nichts mehr sagen: sagt dieses Gedicht; aber indem es so anhebt, seufzend, fragt es doch gleich weiter, nämlich nach den Übergängen aus einem ästhetisch inszenierten Zustand in einen Bewußtseins- und Gefühlszustand, dessen reale Erfahrung von Enge, von Begrenzung, und zugleich von der Anwesenheit der Imaginationen, denn nur sie machen das Zimmer zur Welt, bestimmt wird.

Rolf Haufe schreibt seine Gedichte in West-Berlin, und dort entwickeln sich sehr eigene, das politische Selbstbewußtsein überschattende Melancholien. Das künstliche Gebilde der runden Stadt: konkret erlebt man es in seiner Ummauerung, und da entsteht aus der Wörterfolge durcheilen gestoppt ein durchaus ironischer Zusammenhang. Koller und Tristesse, Überreizung und Gleichgültigkeit, Elan und Resignation: aus solch extremen Mischungen gewinnt dort das poetische Empfinden, und nicht nur dieses, seine Impulse. Vergeblidie Klärung: natürlich, was läßt sich, bei allen rationalisierenden Wörtern, ändern am Immergleichen, am Zustand. So entstehen wohl Träume, die Bilder einer zähen Sehnsucht nach Oberwinden, Entgrenzen, Überschreiten. Berlin, eine Stadt am Meer: den Traum hat einmal, nach dem Krieg, Werner Heldt in einem Bild gemalt. Der Traum in diesem Gedicht beschreibt eine Aktion der Vergangenheit – Das Meer selber, am Ende da bleibt es, mit dem Trost seiner Gegenwart. Jürgen Becker

Rolf Hantl wurde 1935 in Düsseldorf geboren and lebt als Rundfunk-Redakteur in Berlin. In Rowohlt Verlag erschien sein letzter Gedichtband „Größer werdende Entfernung“.