Ein Gutachten macht Furore, noch ehe es veröffentlicht ist. Die Rede ist von einer Studie des angesehenen Batelle-Institutes mit dem Titel „Aktualisierter Vergleich der Investitions- und Betriebskosten von Steinkohle- und Kernkraftwerken“, die – soviel ist schon zu hören – zu dem Ergebnis kommt, daß die Kernkraft nicht nur in der Grundlast, sondern auch in der Mittellast billiger ist als Kohle. Das wiederum verdrießt ganz offensichtlich den Auftraggeber, den Wirtschaftsminister des Kohlelandes Nordrhein-Westfalen, Reimut Jochimsen.

Dieser Verdruß hat ihn offenbar dazu verleitet, etwas Falsches zu tun: Er hält die Studie seit November 1982 unter Verschluß, hat sie Ende Januar mit Experten diskutiert und will erst demnächst mit der vollen Wahrheit herausrücken. Damit erreicht er natürlich genau das, was er eigentlich vermeiden wollte: Die Gerüchte über die Konkurrenzfähigkeit der Kohle wuchern. Aus den ehemals schwarzen Diamanten ist für viele ohnehin Ballast für die Volkswirtschaft geworden – wenn nun noch ein Minister versucht, ein für die Kohle offenbar abträgliches Gutachten der Öffentlichkeit möglichst lange vorzuenthalten, dann macht er die Sache nur noch schlimmer.

Freilich geriete auch ein kunstvoll gefügter Kompromiß ins Wanken, wenn das Ergebnis der Batelle-Studie kritischer Überprüfung standhielte. Denn bisher galt ja, daß für eine wirtschaftlich optimale Stromerzeugung Kohle und Kernenergie gebraucht werden, daß Kraftwerke im sogenannten Mittellastbereich mit bis zu 4500 Benutzungsstunden im Jahr billiger mit Kohle zu betreiben seien, bei höherer Auslastung aber die Kernkraft deutliche Vorteile biete. Nur deshalb konnten die Elektrizitätsversorger, die ja das Wohl ihrer Kunden und nicht das des Bergbaus im Auge haben müssen, den sogenannten Jahrhundertvertrag mit dem Bergbau, der ihnen steigende Abnahmeverpflichtungen für Kohle auferlegt, rechtfertigen.

Daß Praktiker von der Untersuchung der Batelle-Experten wenig halten, ist allerdings die andere Seite der Medaille. So bleibt Klaus Barthelt, Chef der Kraftwerk Union, bei der These, Kohle sei in der Mittellast billiger. Und selbst wenn dem nicht so sei, müsse man bei der Kohle bleiben. Denn erstens gäbe es die Abnahmeverpflichtungen des Jahrhundertvertrages und zweitens reiche der Bestand an Kernkraftwerken nicht einmal aus, die Grundlast zu decken, geschweige denn in die Mittellast vorzudringen.

Diese pragmatische Einstellung zeigt, daß jegliche Aufregung über die Batelle-Studie völlig überflüssig ist. Nachdem sich die Energie-Versorgungsunternehmen unter mehr oder weniger sanftem Druck der Bundesregierung entschlossen haben, den Jahrhundertvertrag einzugehen, ist der Weg der Kohle bei der Stromerzeugung bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts hinein vorgezeichnet. Deshalb ist es auch müßig, den Wettbewerb zwischen Kohle und Kernenergie dauernd anzuheizen. An den vertraglichen Verhältnissen ändert das doch nichts.

Wieder einmal wird der Eindruck genährt, daß bei uns zuviel begutachtet und zuwenig entschieden wird. Aber wenn sich ein Minister um die Veröffentlichung eines ihm unbequemen Gutachtens so lange herumdrückt, dann gibt er diesem Gutachten natürlich mehr Gewicht, als ihm eigentlich zukommt. Jochimsen wollte für die Kohle sicherlich etwas Gutes tun, bewirkt hat er aber das Gegenteil. Heinz-Günter Kemmer