Von Christine Brinck

Seinen Namen hat sich Ivan Mich als anarchoromantische Kassandra westlicher Überzivilisation gemacht. In Büchern wie „Entschulung der Gesellschaft“, „Die Nemesis der Medizin“, „Selbstbegrenzung“ oder „Entmündigung durch Experten prophezeit er den Untergang der überentwickelten Welt. Seine Attacken gegen die „Hohepriester“ unserer Zeit – die Lehrer, Ärzte, Architekten – sind oft scharfsinnig, aber immer maßlos übertrieben. „Ich gehe davon aus“, prophezeite er uns, „daß gegen Ende dieses Jahrhunderts Schule wie wir sie kennen nur noch ein historisches Überbleibsel ist... Kinder werden in den Ruinen der High Schools Hiltons und Hospitäler spielen...“

Seine rosarote Nostalgie für alles Vergangene und Exotische – nach dem Motto: je älter und entfernter, desto simpler und besser – klang in seinen früheren Büchern streckenweise provozierend oder gar amüsierend. In seinem jüngsten Essay

Ivan Illich: „Genus. Zu einer historischen Kritik der Gleichheit“; Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1983; 256 S., 34,– DM

ist er weder anregend, noch originell, sondern bloß noch ärgerlich.

In „Genus“, Illichs Beitrag zur Frauenfrage, teilt er die Menschheitsgeschichte in drei Phasen ein. Die erste reicht von der Frühzeit bis ins 11. Jahrhundert, und er nennt sie das „Reich des vernakulären Genus“ (zu deutsch etwa: da war Mann noch Mann und Weib noch Weib). In dieser Periode gab es nach Illich keine Idee von Menschen schlechthin, sondern nur Männer und Frauen, die in getrennten „geschlechtsbezogenen“ Bereichen lebten und „geschlechtsbezogene“ Beiträge. zur „subsistentiellen Existenz“ lieferten. Die Frauen schnitten das Brot mit der Schneide körperzügewandt (wie weiland noch Goethes Lottchen), die Männer körperabgewandt. Die Frauen hatten exklusiv Frauengedanken, Frauenträume, Frauensprache, Frauenarbeit; die Männer sprachen, dachten und arbeiteten in einer reinen Männerwelt. Die Grenze zwischen beiden war klar markiert und wurde nie überschritten. Vergleiche wurden nicht angestellt und ergo gab es, so Illich, auch keinen Geschlechterneid.

Im 11. Jahrhundert setzte mit der Entwicklung von Werkzeugen zur Warenherstellung die Periode des „gebrochenen Genus“ ein, die bis ins 17. Jahrhundert dauerte. Illich würde diese Zeitspanne lieber noch „das Zeitalter der Hexerei“ nennen, „die Periode der Geburtswehen, die Sexus hervorbringen“. In dieser Zeit lockerten sich allmählich „die Fesseln zwischen Werkzeug und Geschlecht“, schließlich reißen sie ganz, verschwindet die „Genusnaht“. Damit beginnt die dritte Periode, „die Herrschaft des ökonomischen Sexus“, sie reicht bis heute. Mit „Sexus“ bezeichnet Illich „die Form der Polarisierung allgemein menschlicher Merkmale, die, beginnend mit dem späten 18. Jahrhunden, allen menschlichen Lebewesen zugeschrieben werden.“