Von Alphons Schauseil

Das langgezogene Tuten eines Dampfers – war das nicht Inbegriff für Reiselust und Fernweh? Ein Schiff mit Qualm im Schornstein – malte man nicht das als Kind am liebsten? Tragflügelboote, Hovercrafts und Wellen-Jets haben die Oldtimer verdrängt, aber nicht vergessen machen können. Dampfschiffnostalgie, ist „in“, und nirgends wohl kann man seine Sehnsucht nach der guten alten Schiffahrtszeit so gründlich stillen wie in Stockholm, der Stadt auf dem Wasser, am Zusammenfluß von süß und salzig. Dort treibt Druck aus dem Kessel noch sieben Linien- und Ausflugsschiffe, einige sogar zur Winterszeit. Sie fahren in den Ostsee-Schärengarten vor der Hauptstadt und in das „schwedische Mittelmeer“, den Mälarsee, der sich – kaum weniger inselreich – bis tief ins Land erstreckt.

Die „SS Björkfjärden“ ist fast 60 Jahre alt und dampft sonntags nach Birka, jener Binneninsel, die einmal Hauptort der Svear und Wikinger war. Ein Handelsplatz am Kreuzweg der Seefahrer, hier begann Bischof Ansgar von Hamburg und Bremen seine Reise zu den heidnischen Nordmännern.

Am Stadshusbron. dem Kai neben dem Stockholmer Stadthaus, liegen die Schiffe dicht an dicht, Bug zum Land, schräg am Ufer. Um zehn Uhr früh starten die Ausflugstouren. Mein Dampfer liegt zwischen zwei anderen Veteranen, der „Drottningholm“, die zur königlichen Residenz gleichen Namens auf der Mälarinsel Lovö dampft, und der „Mariefred“, die nach Gripsholm fährt, durch Tucholskys schwedische Sommerromanze ein Begriff.

Das Glockenspiel der Stadthausuhr schlägt zehn, die Schiffsglocken erwidern mit hellem Bimmein, die Dampfpfeifen antworten tief, schwarze Wolken puffen aus den Schornsteinen und achtern quirlen die Schrauben das Wasser. Wir ziehen uns als erstes Boot rückwärts aus dem Päckchen, drehen zwischen einer Armada von Seglern und ziehen schwedeneinwärts davon.

Vor der breiten Tür zum Unterdeck steht eine Schüssel mit Dill, Schnittlauch und Petersilie, aus der ein Koch die ersten Sträußchen pflückt. Drinnen riecht es schon verlockend nach gebratenen Zwiebeln – die Besatzung stärkt sich erst einmal mit Bratkartoffeln, Schinken, Spiegeleiern. Im Durchgang zum Achtersalon und zu den Treppen blinkt, viel Messing und Kupfer: Schilder, Lampen, Schwellen, Rohre, Bullaugen, Ventilatoren, Ascher und Klinken. Zwischen Kombüse und Korridor wölbt sich der Kesselraum. Ich lese vom Prospekt: Das Schiff wurde 1925 in Göteborg gebaut, ist eisgangtauglich, 37,51 Meter lang, 6,98 Meter breit und hat 2,33 Meter Tiefgang. Es wird angetrieben von einer Zweizylinder-Compound-Dampfmaschine mit 490 PS, die ihm eine Geschwindigkeit bis zu 11 Knoten verleihen. Der Kessel ist von „schottischem Typ“ und liefert einen Druck von 11 kg/cm2. Ursprünglich mit Kohle, aber seit 1966 mit Schweröl befeuert. Passagierzahl: 335 Personen.

Der Durchgang mit seinen Holzbänken ist zugleich „Raucnsalon“ und geräumig genug, daß hier auch schon mal eine Kuh festgebunden werden konnte, als das Schiff noch unter anderem Namen einige Schärensiedlungen im Salzwasser miteinander verband.