Von Dietrich Strothmann

Am Ende der Schlacht um den geschlagenen Libanon hat sich wiederum – diesmal freilich noch eindeutiger – ein alte Lehre bestätigt: Ohne Ägypten gibt es im Nahen Osten keinen Krieg, ohne Syrien keinen Frieden. Nach Wochen libanesischer Niederlagen und amerikanischer Fehlschläge kann der syrische Präsident Hafis el Assad jetzt diktieren, wer in Beirut regiert und in welchem Zustand der Libanon überleben soll. Er ist der eigentliche Sieger in diesem Kampf. Der Welt, vor allem aber der arabischen Region hat er bewiesen, wer im Nahen Osten die Hebel in Händen hält. Schon wird er der „arabische Bismarck“ genannt.

Sicher ist Assad in der Auseinandersetzung um Einfluß und Macht im libanesischen Nachbarland der David, der es dem amerikanischen Goliath gezeigt hat. Weil er seinen schiitischen und drusischen Gefolgsleuten im Kampf gegen das verhaßte Christen-Regime unter Präsident Amin Gemayel militärischen Flankenschutz gab, konnte er auch auf dem politischen Feld den Amerikanern einen diplomatischen Erfolg streitig machen. In dem Augenblick, da Gemayels Basis auf klägliche Reste seiner Armee und den Umkreis seines Palastes geschrumpft war, blieb auch Washington keine Wahl, als sich in letzter Minute selber aus dem libanesischen Sumpf zu ziehen.

Assad kann den saudischen Vermittlungsplan, der einen simultanen Abzug der israelischen und syrischen Truppen vorsah, zurückweisen; er kann in einem Gegenvorschlag verlangen, daß erst die Israelis, später vielleicht auch die Syrer das Land räumen werden. Er kann sogar von seinen Verbündeten in Beirut, den Milizkommandanten der Schiiten und Drusen, fordern, daß sie künftig einen geschwächten, darum von Damaskus abhängigen Präsidenten Gemayel tolerieren. Assad bestimmt; die Libanesen müssen ihm gehorchen.

Dabei will Syrien den Libanon nicht etwa kassieren, ein „Groß-Syrien“ wiedererstehen lassen. Es genügt Assad völlig, den gedemütigten Nachbarn an kurzer Leine zu halten. Der „Bösewicht“ in den Fängen des „großen Bösen“, der Sowjetunion, wie Ronald Reagan den syrischen Kontrahenten in seinem schlichten Ost-West-Schema einschätzte, ist Assad jedenfalls nicht. Davon konnte sich letzte Woche Franz Josef Strauß bei seinem überraschenden Besuch überzeugen.

Ihn wie die besonnenen Experten im amerikanischen Außenministerium, die mit Assad sprachen, wird auch nicht jene Wandmalerei in dessen Amtszimmer aus der Ruhe gebracht haben, die auf einer stilisierten Landkarte den Vormarsch der Kreuzritter in das Heilige Land markiert – mit Pfeilen, die auf Jerusalem weisen. Der Realist Assad weiß, daß er kein zweiter Saladin sein kann, der die brennenden und sengenden Christenheere für alle Zeit vertrieb. Was Assad, darin ganz stolzer Araber, aber verhindern will, ist ein von den Israelis erzwungener Friede und die Hinnahme ihrer Annexion der syrischen Golan-Höhen. Sein Verlangen ist verständlich, daß israelische Geschütze nicht länger knapp 25 Kilometer vor Damaskus stehen dürfen.

Zum Frieden wird es nach einem bald zehnjährigen Bürgerkrieg im Libanon nicht sobald kommen. Denn nun erst recht werden die Israelis – mit deren unseliger Invasion im Juni 1982 der Endkampf begonnen hatte – den Südteil des Landes auf lange Sicht besetzt, werden also auch die Syrer ihre Region unter Militärkontrolle halten. Und obwohl Jerusalem wie Damaskus jeden direkten Schlagabtausch zu vermeiden trachten, glimmt im Libanon der Funke, der das Pulverfaß Nahost jederzeit zur Explosion bringen kann.