Von Helmut Schödel

Wenn sich der Vorhang hebt, wird ein Prinz am Schreibtisch sitzen und mit seinen Prinzenpflichten unzufrieden sein. Er wird sagen: „Klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts als Bittschriften! – Die traurigen Geschäfte, und man beneidet uns noch!“ Die Theaterkritik beginnt diesmal als Gesellschaftsreport: Zwei Abende habe ich einen Prinzen gesehen – im Zürcher Schauspielhaus (Regie: Jürgen Flimm, Prinz: Christoph Bantzer), in den Münchner Kammerspielen (Regie: Thomas Langhoff, Prinz: Michael König). Hettore Gonzaga, Prinz von Guastala in Lessings „Emilia Galotti bemühte sich, sein bürgerliches Publikum zu verblüffen. Der Prinz war auf Pointen aus.

München. Man blickt in ein großes graues Zimmer und durch dunkle Gardinen in das nächste. Der Schreibtisch mit den Bittschriften ist riesig. Der Prinz schläft noch. Neben dem Bett dreht sich auf einer überdimensionalen Spieldose eine Puppenfrau, des Prinzen Wecker möglicherweise. In diesem Schloß sind Bett und Schreibtisch in einem Raum, Staatsgeschäfte und Bettgeschichten nahe beieinander. Der Prinz erwacht, rekelt sich, springt mit nacktem Oberkörper und ganz unerwartet gut gelaunt auf seinen Schreibtischstuhl. Neben ihm steht ein großes Denkmal: ein absolutistischer Herrscher, einer wie Friedrich Wilhelm I., der radikale Ansichten über die Pflichten seiner Untertanen hatte, der seinen Sohn, den späteren Friedrich II., das Fürchten lehrte (und offensichtlich auch den Dienern des Prinzen von Guastala, die wie leblose Marionetten durch das Schloß trippeln). Der Prinz aber hat vor dem Potentaten keine Angst. So nahe dem Standbild des Königs tut der ländliche Prinz zwar seine Pflicht: ist unzufrieden und sieht klagend die Bittschriften durch, aber danach legt er sich mit dem Bild einer Schonen Frau noch einmal aufs Bett. Noch alles in Ordnung mit dem bürgerlichen Trauerspiel?

Vor fünf Jahren hörte man auf der Bühne des Frankfurter Schauspielhauses einen Schrei: Lessing schrie, als man ihm seine eigene Büste überstülpte. Damals träumte Lessing von einem Autofriedhof, auf dem Nathan der Weise und Emilia Galotti ihre Köpfe vertauschten, einander auszogen, umarmten und töteten. Zuvor hatte ein anämischer, traktierter, erstarrender Lessing einen Monolog gesprochen. Er lobte das Schweigen und den Schlaf. Das war in Heiner Müllers Theaterstück „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“, aus dessen Text das Münchner Programmheft zitiert. Das Programmbuch zur Frankfurter Aufführung von Müllers Stück enthält ein Photo von Emilia Galotti. Vor einem Spiegel, auf einem mit weißem Papier abgedeckten Boden, steht neben einem Farbeimer ein Torso, mit einer Plastikhaut verpackt. Auf zwei Papierstreifen, die an der Folie kleben, liest man in Versalien: Emilia Galotti. Das bürgerliche Trauerspiel hat fünf Akte. Das Photo zeigt eine Szene aus dem sechsten: Trauerspieltrümmer.

Zürich. Durch eine schmale, ziemlich hohe Tür eilt ein geschäftiger Prinz in einen weißen Kasten, der so groß ist wie die Bühne. Der Prinz trägt rote Samthosen und rote Strümpfe. Ein Stirnband verhindert, daß ihm die Haare ins Gesicht fallen. Der Prinz ist bei der Morgentoilette. Alles, was er tut und sagt, wirkt betont beiläufig. Er ist narzißtisch, überspannt, kokett: ein professioneller Prinz. Vor allem scheint ihm nichts selbstverständlicher als sein Auftritt. Das ist aus mindestens zwei Gründen gefährlich. Erstens: Siebzehn Jahre nach seinem Erscheinen ist 1789. Zweitens: Es gibt immer einen sechsten Akt.

Man hört ein Hetzen und Jagen in der polternden Musik, die Flimm in Zürich zwischen den Akten spielen läßt. Es klingt, als würden die Personen des Stücks ihrem Ende entgegenlaufen, von einem Unglück zum nächsten.