Von Gisela Keck

Vor 300 Jahren beschloß der dänische König Christian IV., den schönsten Platz Kopenhagens zu schaffen. Kongens Nytorv, des „Königs Neumarkt“, ist auch heute noch ein Schmuckstück im Herzen der Hauptstadt, mit Blick auf Nyhavn, den gar nicht mehr so „neuen Hafen“, ein Kanal mitten in der City mit Anschluß an die sieben Weltmeere. Die malerische Wasserstraße ist in den letzten Jahren ein Schiffsmuseum geworden. An den Kais liegen Schoner, Barken, Zwei- und Dreimaster, deren Kiel teilweise erst im vergangenen Jahrhundert gelegt wurde. Links und rechts der etwa 500 Meter langen Wasserstraße stehen eng aneinandergeschmiegt verwinkelte Häuser, deren Grundsteinlegung bis in das 17. Jahrhundert reicht.

Es ist die Kulisse einer längst vergangenen Epoche, restauriert mit neuzeitlichen Materialien und Methoden. Der historische Hafen ist das Herz eines in sich geschlossenen Stadtteils mit leichtem Trend zum Schickeria-Quartier. Nyhavn ist eng verknüpft mit Namen von bekannten Schauspielern und Schriftstellern. Hans Christian Andersen lebte hier 15 Jahre. Er schrieb im Haus Nr. 20 vor fast 150 Jahren Märchen wie „Das Feuerzeug“ und „Die Prinzessin auf der Erbse“ und starb im Nachbarhaus Nr. 18. Er liebte diese Straßen, in die er zwischen seinen Auslandsreisen immer wieder zurückkehrte, und hat sie in seinen Tagebüchern oft beschrieben.

Die Kopenhagener teilen die Häuserzeilen am Nyhavn auf in die südliche – unartige – Sonnenseite, die vor allem in den fünfziger Jahren den Ruf einer dänischen Reeperbahn hatte, und die nördliche – artige – Schattenseite, die mit der Kunstakademie Charlottenborg anfängt und auch Platz hat für etwas so Solides wie das Seemannsheim.

Am schillerndsten ist zweifellos die „Sonnenseite“, auch wenn sie ganz düster und eher undänisch beginnt: Frauen ist in der Hafenkneipe „Kahytten“ seit 200 Jahren der Zutritt verboten. Und das im liberalen Dänemark, wo die Emanzipation fast geglückt ist. Nur wer gezielt sucht, kann im Keller des Eckhauses Store Strandstraede/Nyhavn die „Kahytten“ entdecken, einst die Schankstube eines Weinhändlers. Die offizielle Erklärung für die Frauenfeindlichkeit: Es gibt nämlich in der anheimelnden Spelunke keine Damentoilette, nur ein eher spartanisches „Örtchen“ im Hof, das die Herren der Schöpfung natürlich nicht der Weiblichkeit zumuten wollen. Gelingt es dennoch einer Frau, ihren Fuß über die Kneipenschwelle zu setzen, dann muß am Eingang die Matte umgedreht werden. Das Wirtshaus soll ein ruhiger Ankerplatz für Männer bleiben, wo sie – ungestört von femininen Einflüssen – ihr Seemannsgarn spinnen können. Auch Anrufe sind zwecklos. Die Frage nach der Anwesenheit des Ehemannes wird prinzipiell negativ beantwortet.

An vielen Häusern ist noch heute der Berufszweig und Stand des Bauherrn abzulesen. Ein Elefant am Haus Nr. 15 deutet darauf hin, daß der Erbauer 1765 vor allem mit Waren aus Übersee handelte. In diesem Haus soll es nach Berichten des Schriftstellers Jan Møller gespukt haben. Der damalige Besitzer, angeblich ein früherer Sklavenhändler, hatte unter seinen Gästen einen reichen Müller und seine Liebste. Die Gesellschaft würfelte drei Tage lang, danach hatte der Müller alles verloren, seine Mätresse, Pferd und Wagen sowie seine Mühlen. Er glaubte, es seien falsche Würfel im Spiel gewesen, und er schwor dem Gastgeber, daß er und seine Nachkommen das Treffen noch bereuen würden. Seiner Geliebten, die nun die Bettstatt gewechselt hatte, drohte er, daß sie ihm dennoch jede Nacht zu Willen sein müsse. Schon in der nächsten Nacht fand das Mädchen den Müller erhängt unterm Dach. Etwas später begann der Spuk. Man hörte Pferd und Wagen vorm Haus halten und auf dem Dachboden herumfahren. Nur wenn sich die Gespielin des Verblichenen dort aufhielt, blieb der gespenstische Lärm aus. Der Hausherr mußte sie behalten und schließlich dafür bezahlen, daß sie auf dem Dachboden blieb. Zum Schluß soll des Müllers ehemalige Mätresse vor Schreck gestorben sein. Ob es jetzt noch spukt, war nicht zu erfahren. Allerdings ist das Haus bewohnt, so schlimm kann es also nicht mehr sein.