Stuttgart

Seit dem 14. Februar dieses Jahres darf der Stuttgarter Arzt Dr. Aquilin Ullrich nicht mehr praktizieren. Der Regierungspräsident in Stuttgart ordnete an diesem Tage an, daß die Approbation ruht. Bis dahin hatte Aquilin Ullrich eine Praxis als Frauenarzt betrieben und bis vor wenigen Jahren als Belegarzt auch operiert.

Der Grund für die Entscheidung des Regierungspräsidenten liegt in der Tätigkeit des Arztes zur Zeit des Nationalsozialismus. Ullrich arbeitete in der Vergasungsanstalt Brandenburg. In diesem ehemaligen Zuchthaus sind zwischen Februar und Dezember 1940 9772 Menschen vergast worden. Unter den Opfern waren zahllose Kinder, deren Leichen dem Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin (Professor Hallervorden) „zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung“ standen.

Die eintreffenden Kranken wurden in der Regel innerhalb weniger Stunden vergast. Da der Schornstein zu niedrig war, schlugen beim Verbrennen der Leichen die Flammen weithin sichtbar heraus. Wegen der in der Stadt aufkommenden wilden Gerüchte wurde das Krematorium verlegt. Jeweils morgens gegen fünf Uhr brachte ein Paketwagen der Reichspost die Leichen zu einem am Waldrand gelegenen Gartenhaus, wo sie unauffällig verbrannt wurden. Bei der Auflösung der Euthanasie-Anstalt im Dezember 1940 beseitigte man die Spuren. Ein Hausmeister sagte 1946 vor der Brandenburger Kripo aus: „Nur im Ofen der oberen Etage fanden wir noch ein paar Damenschuhe vor.“

Die Ärzte dieser Tötungsfabrik sind nie gerichtlich bestraft worden. Der Brandenburger Direktor Dr. Irmfried Eberl, später von ehemaligen Mitarbeitern als „blutrünstig“ geschildert („wollte Gott und die Welt vergasen“), erhängte sich im Februar 1948 in der Untersuchungshaft. Sein Stellvertreter, Dr. Aquilin Ullrich, lebte zu dieser Zeit im „Untergrund“: 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft geflohen, tauchte er mit gefälschten Entlassungspapieren im Saargebiet unter und arbeitete als Hauer in einem Bergwerk unter Tage. Der dritte Brandenburger Arzt, Ullrichs Studienfreund Dr. Heinrich Bunke, war schon im Juli 1945 Wieder als Assistenzarzt in der Landesfrauenklinik in Celle tätig.

Durch Vermittlung eines früheren Universitätslehrers wurde der Bergmann Ullrich, der inzwischen eine Hauerprüfung absolvierte, 1949 Assistenzarzt einer Stuttgarter Klinik. Drei Jahre später war er niedergelassener Facharzt für Frauenkrankheiten. Irgendwann tauchten auch ehemalige Tatgenossen auf: Dietrich Allers, früher. Geschäftsführer der Berliner Euthanasiezentrale und Erwin Lambert, der die Verbrennungsanlagen der Tötungsanstalten von Treblinka und Sobibor gebauthat.

Der prominenteste Kontakt war Werner Blankenburg, in der Kanzlei des Führers für die Krankentötungen und die Vernichtungslager Treblinka, Belzec, Sobibor zuständig. Blankenburg, zunächst von den Alliierten, später von der deutschen Justiz gesucht, lebte unter dem Mädchennamen seiner Frau seit Sommer 1945 in Stuttgart. Als er 1957 unter falschem Namen beerdigt wurde, stand auch Ullrich am Grab. Anschließend trafen sich mehrere ehemalige Euthanasie-Gehilfen beim Tee.