An der Gangway scheiden sich die Geister. Die Touristen sichern sich die aussichtsreichsten Plätze und rüsten ihre Kameras, die Einheimischen belegen die bequemsten Plätze und entfalten ihre Zeitungen. Für sie ist die 15-Minuten-Fahrt von Helsinkis Hafenkai zum Stadtteil Suomenlinna so alltäglich wie eine Trambahnfahrt. Für die Fremden hingegen ist es eine Tour in die Geschichte, denn Suomenlinna ist eine der gewaltigsten und sicherlich auch eine der photogensten Seefestungen in Skandinavien.

Die vier mit Brücken verbundenen Inselchen in der Hafenbucht der finnischen Hauptstadt, die heute postalisch als „Helsinki 19“ firmieren und rund 1000 Bürgern Heimstatt sind, sahen in fast 250 Jahren militärischer Geschichte die Banner der schwedischen und der zaristischen Admiralität über ihren Zinnen, ehe 1918 das unabhängige Finnland seine Flagge aufziehen konnte.

1748 entdeckte das Königreich Schweden in den Schären einen idealen Platz, um seine Ostflanke gegen die nahen Herrscher in Petersburg zu schützen. Der Artillerieoffizier Augustin Ehrensvärd wurde beauftragt, ein Bollwerk zu bauen. Dreißig Jahre später, als der Militärbaumeister starb, war sein Werk fast vollendet. Weitere dreißig Jahre darauf jedoch unterlag Schweden den Russen und mußte „Sveaborg“, wie die Anlage damals hieß, an die russischen Truppen übergeben. Deren Doppeladler wehte über 110 Jahre über den Wällen und Kasematten. 1855, im Krimkrieg, bombardierte eine englisch-französische Flotte mit überlegener Feuerkraft die Inseln und richtete große Schäden an.

Für die finnische Nation, die so lange um ihre Freiheit gekämpft hatte, war es eine große Stunde, als 1918 das junge Suomi endlich unabhängig wurde und über „Suomenlinna“ herrschte. Die Inselgruppe, die zu allen Zeiten auch von zivilen Bürgern bewohnt wurde, blieb im Besitz der finnischen Armee, bis die Garnison 1973 aufgelöst wurde. Heute erinnert nur noch eine Kadettenanstalt an die kriegerische Zeit. Künstler, Handwerker und Restaurateure haben das Regime auf den Inseln übernommen. Suomenlinna ist heute eines der ehrgeizigsten Projekte Finnlands: ein lebendiges nationales Monument, dessen Verfall gestoppt und dessen Bauwerke für die Kunst genutzt werden sollen.

Vor sechs Jahren wurde in der Strandkaserne eine Galerie eingerichtet und das „Nordische Kunstzentrum“ gegründet. Es wird gemeinsam finanziert von den vier skandinavischen Staaten und von Island. Aus einer alten Militärbaracke entstanden moderne Atelierwohnungen; Künstler aus den fünf Ländern leben hier mit ihren Familien, um für jeweils ein Jahr vor der Kulisse Helsinkis, der „weißen Tochter der Ostsee“, zu arbeiten.

Das einstige Bollwerk ist heute eine merkwürdige Mischung aus Kunst- und militärischer Traditionspflege. Neben der Galerie und den Studios prägen ein Freilichttheater und ein Museum im ehemaligen Haus der Patrizierfamilie Armfeit ebenso die Atmosphäre wie die furchterregende Sammlung von Geschützen aus den letzten beiden Kriegen und ein 40 Jahre altes, für Besucher zugängliches U-Boot. Das Bindeglied ist das Ehrensvärd-Museum, in dem nicht nur die Festungsgeschichte und die Küstenschiffahrt dokumentiert werden. Das Haus zeigt auch eine typische Offizierswohnung aus dem 18. Jahrhundert – ein Beispiel feiner Lebensart. Zu jener Zeit zählten die weitgereisten Militärs zu den Gebildeten, die Inseln galten auch in jener waffenklirrenden Epoche als „Kulturzentrum“.

Das jedoch verhinderte nicht den allmählichen Verfall der militärischen Anlagen und Wälle. Die Bürgerhäuser und die unübersehbare Kirche, deren Dach als Leuchtturm ausgebaut ist, überstanden zwar die Zeitläufe, bedurften aber auch der Renovierung. Deshalb entschloß sich die finnische Regierung 1969, eine großangelegte Rettungs- und Sanierungsaktion für die Inseln einzuleiten. Seither sind die Restauratoren Dauergäste auf Suomenlinna, die Arbeiten werden vermutlich erst in den ersten Jahren des nächsten Jahrhunderts fertiggestellt sein. Rund 400 Millionen Finnmark (etwa 270 Millionen Mark) wurden für das Programm angesetzt, ein Betrag, der gewiß kräftig überschritten wird.