Von Eduard Pestel

Als im Oktober 1979 die Ölpreise zum zweiten Male explodierten, empfanden viele Energiepolitiker Stolz und Genugtuung, weil sie den heimischen Energieträger Kohle in den sechziger Jahren vor der übermächtigen Konkurrenz des billigen Erdöls und in den siebziger Jahren vor der Konkurrenz des Erdgases geschützt hatten. Wieder wurde die Kohle zum nationalen Energieträger hochstilisiert.

Die in einem schwierigen Anpassungsprozeß von über 150 Millionen Tonnen in den fünfziger Jahren auf 86 Millionen Tonnen 1979 zurückgefahrene Kohleförderung sollte wieder auf 100 Millionen Tonnen pro Jahr erhöht werden. Man begann mit dem Abteufen neuer Schächte, Forschungen zur Verbesserung der Verfahren zur Kohlevergasung und -verflüssigung wurden intensiviert. Vor allem wurde aber der sogenannte „Jahrhundertvertrag“ über den Einsatz der Steinkohle in Kraftwerken, über den die Elektrizitätswirtschaft und der Bergbau bis dahin mehr als drei Jahre verhandelt hatten, innerhalb weniger Monate zügig abgeschlossen. Der Absatz an Steinkohle war damit bis 1995 nicht nur gesichert, sondern zudem mit jährlichen Zuwachsraten versehen. Die Steinkohleverstromung soll bis 1995 von 33 auf 45 Millionen Tonnen pro Jahr gesteigert werden. Zudem machte sich der Bergbau die Hoffnung, Kleinverbraucher und Industrie wieder als Kunden für die Steinkohle gewinnen zu können.

Der zweite Absatzbereich der Steinkohle, die Hüttenwerke in der Bundesrepublik und in den EG-Ländern, wurde zwar nicht als ausgesprochene Wachstumsbranche angesehen, man glaubte aber vor vier Jahren auch nicht, daß Rückgänge des Stahlabsatzes, wie wir sie im Augenblick erleben, so schnell eintreten würden.

Der Rückzug der Steinkohle aus dem Energiemarkt schien gestoppt. Bis 1955 war Mineralöl teurer als Steinkohle. Das besonders billig zu fördernde Nahostöl sorgte aber dann dafür, daß sich die Erdölpreise praktisch halbierten und auf ein Niveau weit unterhalb des Steinkohlepreises abrutschten. Damit begann der Niedergang der Steinkohleförderung in der Bundesrepublik. Die Energiepolitik der sechziger Jahre war daher überwiegend eine Kohleschutzpolitik, beziehungsweise eine Sozialpolitik zum Schutz der alten industriellen Ballungsräume.

Ist Energiepolitik heute wieder Kohleschutzpolitik? Es spricht vieles dafür. Allerdings sind es heute andere Gründe für die neuerlichen Schwierigkeiten der Kohle. Zwar sind glücklicherweise noch nicht alle Baupläne für neue Kernkraftwerke, die 1977/78 bekannt waren, verwirklicht worden. Darum ist die Krise der Kohleverstromung auch heute noch nicht eingetreten. Im Jahre 1985 werden Kernkraftwerke mit einer Leistung von etwa 14 000 Megawatt am Netz sein, immerhin etwa 11 000 Megawatt weniger als 1978 für dieses Jahr geplant waren. Bis zum Beginn der neunziger Jahre wird sich diese Leistung um etwa 8000 Megawatt erhöhen.

Die Stromerzeugung aus Kernenergie wird also mit Riesenschritten einen immer größeren Anteil der Stromerzeugung übernehmen. Gleichzeitig wird die Laststruktur der Stromabnahme immer ausgeglichener. Der Mittellastbereich, in dem bisher die Kohlekraftwerke noch ökonomische Vorteile hatten, wird tendenziell kleiner.