Dioxin, der Rächer aus der Retorte

Weiß ist der Stoff, ein kristallines Pulver, geruchlos und geschmacklos. Im allgemeinen kommt er nur in so winzigen Konzentrationen vor, daß damit lediglich ausgebuffte Chemiker etwas anzufangen wissen. Die Natur stellt den Stoff selbst nicht her. Sie tut sich auch, was Wunder, sehr schwer, ihn abzubauen. Niemand hat das Zeug je gewollt: Es entsteht als unerwünschter Abfall in den Giftküchen der Chemie, oder – wie ein Fluch der bösen Tat – beim Verbrennen so alltäglicher Dinge wie Plastikabfälle, Farbreste oder Altöle.

Der Stoff ist das giftigste Menschenwerk überhaupt: 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-para-dioxin. (TCDD), gemeinhin „Dioxin“, das berüchtigte Seveso-Gift, der Ultra-Killer in einer Reihe von 75 toxischen Verbindungen der gleichen Klasse (siehe Kasten auf Seite 26). Die für den Menschen tödliche Dosis Dioxin vermuten Wissenschaftler bei etwa einem Millionstel Gramm pro Kilo Körpergewicht. Doch wie sich das Gift auf die menschliche

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Gesundheit auswirkt, weiß (noch) niemand: Die amerikanische Fachzeitschrift Chemical & Engineering News hält diese Frage für „die schwierigste im Dioxin-Dunstkreis überhaupt“.

Dioxin ist tückisch. Die Palette der möglichen Schädigungen reicht von schweren Hauterkrankungen über Schädigungen des Zentralnervensystems zu Krebs und mißgebildeten Nachkommen.

Und das Ultragift Dioxin, so scheint es, ist allgegenwärtig. Es findet sich zu Wasser, zu Lande, in der Luft – und in den Köpfen: als ubiquitärer Angstmacher und ökopolitischer Sprengsatz.

  • In Hamburg-Georgswerder sickert das Teufelszeug an einem halben Dutzend Stellen aus der größten Mülldeponie der Republik.
  • Messungen an mehreren bundesdeutschen Müllverbrennungsanlagen ergaben 1982, daß der Ausstoß der Schlote und die Rückstände der Abfallöfen ebenfalls Dixon enthalten.
  • Dioxinverseuchte Flugasche und Schlacke, die Reste verbrannten Haus- und Industriemülls, dienen seit Jahren als Material für Gehwege, Bausteine und Lärmschutzwälle.
  • Unmweltbehörden rechnen damit, daß in manchen der schätzungsweise 30 000 bis 40 000 Altlast-Kippen des Landes Dioxon lagert. In mindestens drei – in Georgswerder, im pfälzischen Gerolsheim und im niedersächsischen Söhlde-Hoheneggelsen – liegen bedrohliche Mengen.

Dioxin allüberall? Gefahr für Leib und Leben, Trinkwasser und Nahrungsmittel? Eilige Rechner präsentierten nach den Dioxin-Funden der letzten Monate drastische Schnell-Schlüsse: Allein die Schlote der nordrhein-westfälischen Hausmüllverbrennungsanlagen, mutmaßte die Westfälische Rundschau, spieen jährlich bis zu 30 Kilo des Gifts auf Land und Leute. In Hamburg kam das Gerücht auf, der Stadtteil Wilhelmsburg (dort dräut der hanseatische Giftberg) müsse womöglich evakuiert werden; Wissenschaftler wähnten die Deponie explosionsgefährdet, die Anrainer schwerer Vergiftungsgefahr ausgesetzt.

„Unverantwortliche Panikmache“, rügte das Umweltbundesamt in Berlin, „Phantasiezahlen, die dem Problem nicht gerecht werden“. Als „nichts Sensationelles“ beurteilte auch das für den Umweltschutz zuständige Bundesinnenministerium den Dioxin-Nachweis in den Müllöfen. Demgegenüber warnt der Kieler Toxikologe Otmar Wassermann, selbst wenn keine akute Gefahr bestehe, könne man „in der Einschätzung der Gefährlichkeit von Dioxin und ähnlichen Chemikalien gar nicht vorsichtig genug sein“.

Immerhin haben die Alarmrufe ein Gutes: Sie motivieren die Politiker, etwas zu unternehmen. Bundesweit gehen die zuständigen Ämter nun daran, eine Emissionsbilanz der Müllverbrennungsanlagen aufzustellen. Das Bundesinnenministerium ist dabei, die Abfallbeseitigungsgesetze zu verschärfen. Der Hamburger Senat will sich weitere Messungen an den Müllöfen der Stadt 850 000 Mark kosten lassen. Die beiden größten Gift-Halden der Nation, Georgswerder und Gerolsheim, sollen demnächst mit dicken Betonwänden „eingekapselt“ werden.

Dioxin hat das Insektengift DDT als Leitsubstanz der Horrorvision eines vergifteten Planeten abgelöst. Es ist Synonym für die Kehrseite der chemischen Revolution, Schlagwort im Kampf gegen Umweltzerstörung, Herstellerzynismus und Politiker-Unverstand. „Durch seine extreme Gefährlichkeit wirkt Dioxin in der Öffentlichkeit wie eine hochgehaltene rote Fahne“, sagt Karlheinz Ballschmiter, Professor für Analytische Chemie in Ulm. „Doch dieses Gift ist nur eines von Hunderten Chemikalien, die ähnlich hochtoxisch sind.“

Dioxin scheint in der Tat nur die Spitze eines Giftberges zu sein: Bilden etwa Dibenzofurane, chlorierte Biphenyle, perchlorierte Naphtaline, Azoxybenzole eine weit schlimmere Flut von Plagen?

Ob Öko-Bauer oder Industriearbeiter, alle leben heute in einer chemikaliengeschwängerten Welt. Seitdem die organische Chemie vor hundert Jahren ihre ersten Erfolge feierte, hat sie den Erdball mit ihren Neusynthesen geradezu überflutet.

Hierzulande versucht die Initiative „Geschützter leben“ der chemischen Industrie seit 1979 ihr angeschlagenes Bild mit einer großangelegten Werbekampagne wieder ins rechte Licht zu rücken. Schließlich mache der Telephonapparat aus Kunststoff, der blitzende Autolack, das farbechte T-Shirt unser tägliches Leben erst angenehm – und damit die Chemie-Produkte unentbehrlich.

Wann und wo der künstliche Waren-Segen zum Umwelt-Fluch wird, ist schwer abzuschätzen. Schon wegen der Anzahl an synthetischen Substanzen, die uns täglich umgeben. Die amerikanische Umweltbehörde bezifferte sie schon 1977 auf etwa 63 000 Stück, gewissermaßen unsere chemische Grundausstattung; 1000 bis 1500 neue Verbindungen kommen pro Jahr hinzu. Bislang wurden in den Retorten der Forschungslabors rund um den Erdball mehr als fünf Millionen verschiedene Einzelverbindungen synthetisiert.

Durch die rasche und schwer kontrollierbare Produktlawine sehen Toxikologen den Menschen bereits in die Ecke gedrängt. Die Rechnung für hundert Jahre Sorglosigkeit entpuppt sich heute als schwere Umwelt-Hypothek.

Und Dioxin, die giftigste Chemikalie, ist der Angstmacher Nummer Eins. Wo und wie entsteht die Substanz? Sie bildet sich bei manchen chemischen Reaktionen, von denen einige, zum Beispiel bei der Herstellung von Pflanzenschutzmitteln, Pharmazeutika und Farbstoffen, großtechnische Bedeutung erlangt haben.

  • Am wichtigsten ist die Synthese sogenannter chemischer Halbprodukte wie 2,4,5-Trichlorphenol oder 2,4-Dichlorphenol. In den Reaktionsrückständen verbleiben an Dioxin fünf- bis zehntausend ppb (zur Maßeinheit ppb siehe den Kasten nebenan); das summiert sich in der Bundesrepublik auf derzeit rund fünf Kilo im Jahr.
  • Wird 2,4,5-Trichlorphenol zu dem Herbizid 2,4,5-T weiterverarbeitet, fällt abermals Dioxin an. Bei dem herkömmlichen Prozeß waren es große Mengen, doch ein neueres Verfahren der Firma Boehringer-Ingelheim im Werk Hamburg-Moorfleet reduzierte den Dioxin-Gehalt beträchtlich. Bis 1983 stellte Boehringer jährlich etwa 1000 Tonnen 2,4,5-T her.
  • Jede Produktion von Chlorphenolen, beispielsweise die des Holzschutzmittels Pentachlorphenol (weltweit jährlich 25 000 Tonnen) erzeugt unweigerlich auch Dioxin.
  • Das gleiche gilt für die Herstellung von polychlorierten Biphenylen (PCB) und Chlornapntalinen, die als Kühlmittel in Kondensatoren und Trafos angewandt werden. Bayer stellte 1983 die Produktion von zuletzt 7000 Tonnen PCB im Jahr ein Das Werk erzeugt allerdings weiterhin 50 000 bis 100 000 Tonnen Chlornaphtaline.
  • Auch das bakterientötende Hexachlorophen – als Desinfektionsmittel in Seifen, Deos, Intimsprays oder Mundwässern verarbeitet – enthält Dioxin-Spuren. In Frankreich starben vor einigen Jahren 30 Kleinkinder, nachdem bei einem Störfall in der Herstellungsanlage zuviel Dioxin in ein Babypulver gelangt war.

Insgesamt führt das Umweltbundesamt eine Liste von 28 häufig verwendeten Chemikalien auf, deren Herstellung mehr oder minder viel Dioxin beschert. Außerdem entsteht Dioxin bei der Müllverbrennung, vor allem, wenn dort bei einer Temperatur von unter 750 Grad und gleichzeitigem Sauerstoffmangel Chlorkohlenwasserstoffe verheilt werden. Und diese Substanzen sind im zeitgenössischen Zivilisationsmüll zuhauf vorhanden.

Wieviel Dioxin in der Bundesrepublik je angefallen ist, weiß niemand. Fest steht nur, daß das Teufelszeug jahrzehntelang bei Firmen wie Boehringer, BASF, Hoechst und anderen entstanden ist und daß sich in den meisten Fällen nicht nachweisen läßt, wo es hingekommen ist. Der Abfallexperte im hessischen Umweltministerium, Fritz Vahrenholt, rechnet vor, daß in den bundesdeutschen Altlasten mindestens 150 Kilo Dioxin schlummern.

Die Chemiefirmen zeigen sich wenig hilfreich, wenn es um die Suche nach dem Dreck der frühen Jahre geht. „Boehringer“, zürnte im vergangenen Frühjahr die Hamburger „Bürgeraktion Moorfleet“, „kann nicht belegen, wo die circa 70 Kilo Dioxin verblieben, die von 1951 bis Anfang der siebziger Jahre bei der Produktion von 2,4,5-T angefallen sind.“

Erst für die Zeit von 1968 bis Mitte der siebziger Jahre ist belegt, daß das Unternehmen unter anderem 2000 Tonnen „Destillationsrückstände der organischen Chemie“ in Fässern auf die pfälzische Müllkippe Gerolsheim schaffen ließ, darunter auch Dioxin – einen Stoff, der „nicht besonders zur Toxizität der Abfälle beiträgt“ (Boehringer-Werksleiter Werner Krum). Gerolsheim war damals auch die erste deutsche Adresse für Giftmüllentsorger aus dem europäischen Ausland. Von 1974 bis 1976 wurden außerdem insgesamt 109 Boehringer-Fässer, darunter „Destillationsrückstände der 2,4,5-Trichlorphenoxy-Essigsäure-Herstellung“ in der niedersächsischen Kippe Hoheneggelsen deponiert;

vermutet wird Dioxin auch in den ehemaligen Hausmülldeponien Offheim bei Limburg und im pfälzischen Sprendlingen. Dort könnte sich ein weiterer Tricnlorphenol-Produzent, der Chemiemulti Hoechst AG, seines Gift-Mülls entledigt haben. Doch hier tappen die Behörden, wie in zahllosen weiteren Fällen auch, noch im Dunkel: Jahrelang ließen Produzenten und Politiker die Müll-Männer gewähren, wurde das Abfall-Dilemma unterschätzt, nicht zur Kenntnis genommen oder schlichtweg verheimlicht.

Gift im Müll der frühen Jahre

Politiker und Chemie-Produzenten – Unwissen oder Irreführung? – übten sich noch vor kurzem in Beschwichtigung. „Ganz sicher“, erklärte Senator Curilla noch Mitte vorigen Jahres, gebe es in der Hansestadt Hamburg „keine Dioxin-Ablagerungen“. Und Boehringer-Werksleiter Krum schrieb im Oktober 1983 im Rheinischen Merkur, „zur Zeit besteht kein begründeter Verdacht, daß die Altlasten zu einem Problem werden“, zumal „überhaupt keine Dioxinmengen in das Grundwasser gelangen können, die eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellen könnten“.

Seit November vergangenen Jahres blieb von den hehren Glauben nur noch Ratlosigkeit. Aus der Hamburger Deponie Georgswerder (hier häufen sich 14 Millionen Kubikmeter Abfälle zu einen 47 Meter hohen Mistberg) sickert Dioxin. Im hangseitig auslaufenden Öl der Kippe wurden vom Institut für naturwissenschaftlich-technische Dienste (NATEC) bis zu 45 ppb des Ultragifts gemessen. Mittlerweile stapeln sich in Georgswerder 34 Fässer mit dem verseuchten Ausfluß der Deponie, und es läuft weiterhin hochtoxischer Giftsud aus dem Berg.

„Georgswerder stellt ein erhebliches Gefahrenpotential dar“, erklärte der Hamburger Entsorgungssenator Jörg Kuhbier Mitte letzter Woche, nachdem ein internationales Experten-Gremium beratschlagt hatte, wie der gefährliche Müllhügel entschärft werden könnte. Möglichkeiten blieben nicht viele: „Eindeutig bevorzugt“ wurde, die Deponie „einzukapseln und zum Grundwasser hin abzusichern“. Das auslaufende Giftgemisch will man vorerst – besser ließe sich die Hilflosigkeit der Sanierer gar nicht demonstrieren – wieder oben in den Müllberg reinkippen, „um Zeit zu gewinnen“. Denn diesmal müsse die Deponie ein für allemal und nach „dem neuesten Stand der Technik“ saniert werden.

Nach ebendiesem Kriterium hatten die zuständigen Behörden den Abfallberg einst angehäuft, unter anderem mit – vorsichtig geschätzt – 150 000 Kubikmetern „flüssigem und pastenförmigem Industriemüll“. Dieses „Verfahren“ der Müllbeseitigung, so heißt es in einem ersten „Bericht zur Überwachung und Sanierung der Deponie Georgswerder“ von Anfang Februar, entsprach „dem damaligen Stand der Technik“.

Angekarrt wurde – vor allem von privaten Müllkutschern – so gut wie jeder Dreck. Zwar erhielten die Anlieferfirmen einen „Genehmigungsbescheid, in dem aufgeführt war, welche Abfälle sie auf die Deponie verbringen durften“ (Senatsbericht), aber „eine umfassende und lückenlose Kontrolle hat nicht stattgefunden und war praktisch auch kaum möglich“. Für Stichproben wurde 1968 ein Diplom-Chemiker in Dienst gestellt.

Nachdem bekannt geworden war, daß die Firma Max Uhlig Mitte der sechziger Jahre tonnenweise E 605 in Georgswerder gelagert hatte, versuchte – von 1971 bis 1973 – ein „Parlamentarischer Ausschuß zur Überprüfung der Ablagerung von Haus- und Industriemüll Licht in die schmutzigen Praktiken zu bringen. Schon damals hätten die Wächter stutzig werden können. Werner Hofmann, leitender Angestellter einer Mülltransportfirma, gab im November 1971 zu Protokoll, sein Unternehmen habe „zwischen 30 und 60 Faß im Monat“ auf die Müllkippen Georgswerder und Müggenburger Straße gefahren, Rückstände aus der Herbizid-Produktion bei Boehringer.

Ähnlich nachlässig handelte das Hygienische Institut der Hansestadt, nachdem es am 7. Juli 1979 eine Ölprobe aus dem Ausfluß der Deponie Georgswerder analysiert hatte. In der Sickerflüssigkeit wurden damals zehn ppb der Dioxin-Schwesteisubstanz TCDD gefunden – ein so gut wie sicherer Hinweis, daß auch CDD, das gefährliche Seveso-Dioxin, nicht weit sein konnte. Doch nichts geschah. Erst nachdem sich Bau- und Umweltbehörde 1981 auf intensivere und methodisch verbesserte Untersuchungen des Sickerwassers verständigt hatten, wurde im Februar 1983 – die Seveso-Fässer waren damals gerade unterwegs – beschlossen, Grund- und Sickerwasser in Georgswerder zweimal jährlich auch auf Dioxin zu überprüfen. Am 25. November 1983 stand dann fest: das Ultragift rinnt aus dem Berg.

Seither weiß Hamburgs Entsorgungssenator Kuhbier nicht mehr, wohin damit. Bis zum Giftfund wurde der ölige Deponie-Ausfluß, immerhin ein bis zwei Tankwagen monatlich, in einem Müllofen der Hamburger Abfall-Verbrennungsgesellschaft (AVG) verheizt. Doch die Anlage schafft längst nicht jene 1200 Grad Verbrennungstemperatur, die nötig wären, um Dioxin unschädlich zu machen. Die vermeintliche Entsorgung wurde auf diese Weise nur zu einer neuen Versorgung: Das Dioxin blieb in der Flugasche der Verbrennungsanlage zurück oder konnte in kleinsten Mengen durch den Schornstein entweichen. So schloß sich ein fataler Kreislauf: Denn Flugasche wird wieder auf Sondermülldeponien gelagert, oder – gefährlicher noch – im Straßenbau und in der Baustoffindustrie verwendet.

Gefährlicher Feuerzauber

Dioxin wird in herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen nicht nur nicht zerstört – es entsteht vielmehr noch zusätzlich. Dies ergaben seit 1977 Untersuchungen an Müllöfen in Italien, in der Schweiz und in den Niederlanden. Als Ursache gelten vor allem Insektizide und Herbizide, Holzschutzmittel und Altöle, aber auch synthetische Produkte aus Polyvinylchlorid (PVC), die in großen Mengen im Hausmüll vorkommen.

In den Öfen bildet sich Dioxin vor allem, wenn Abfall bei Temperaturen zwischen 300 und 600 Grad, also entgegen den Vorschriften der „Technischen Anleitung Luft“, nur unvollständig verbrannt wird. Normalerweise arbeiten die Öfen bei 800 bis 900 Grad.

Was beispielsweise bei unsachgemäßer Verbrennung geschieht, zeigte sich Ende Januar im Saarland: in einem Müllofen der Gesellschaft für die Verbrennung von Abfallstoffen (GEVA) in Schiffweiler war Dioxin entstanden. In der Anlage waren mindestens sieben Tonnen PVB-haltiges Hydrauliköl der Saarbergwerke verbrannt worden.

Dem Dioxin in Abfallöfen sind die Umwelt-Chemiker hierzulande seit drei Jahren auf der Spur. 1981 wurde im Auftrag des Umweltbundesamtes an einer Sondermüll- und an fünf Hausmüllverbrennungsanlagen „Ursachenforschung“ betrieben. 1982 lagen die Ergebnisse für die Fachwelt vor. Quintessenz der von dem Ulmer Chemie-Professor Ballschmiter geleiteten Untersuchung: („Vorkommen und Emissionsminderung von polychlorierten Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen bei Verbrennungsvorgängen“): Müllöfen „können sauber arbeiten“, tun es aber nicht immer. Bei einigen Anlagen wiesen die Messungen 20 bis 30 ppb Dioxin nach. Als höchster Wert der „statistisch nicht abgesicherten, aber breitgefächerten Probenahme von Flugstäuben“ (Studie) wurden gar 52 ppb gemessen. In den meisten Müllöfen lagen die Konzentrationen aber unter oder nur knapp über der Nachweisgrenze von 0,5 ppb. Ballschmiters Fazit: „Nur bei optimaler Betriebsweise entsteht so wenig Dioxin, daß es sich nicht mehr nachweisen läßt.“

Aus den Schloten der 46 bundesdeutschen Hausmüll- und rund zwei Dutzend Sondermüllverbrennungsanlagen entweichen jährlich nicht mehr als „ein bis fünf Gramm“ Dioxin, heißt es in dem vom Umweltbundesamt nach der Ballschmiter-Studie herausgegebenen Bericht „Sachstand Dioxine“. Die „Gefahr gesundheitlicher Belastungen“ durch Dioxin-Emissionen aus Müllverbrennungsanlagen sei „deshalb als verschwindend gering einzuschätzen“. In der Flugasche, so die Berliner Umweltbehörde, ohne es allerdings in ihrem Bericht anzugeben, fallen jährlich 250 Gramm Dioxin an: als Mit-Gift jener rund 6,2 Millionen Tonnen Müll, die pro Jahr verbrannt werden, und dabei etwa 155 000 Tonnen Filterstaub hinterlassen. Die jährliche Gesamtmenge aller Dibenzodioxine und Dibenzofurane aus der Müllverbrennung schätzen die Berliner Experten auf „rund 100 Kilo“.

Dioxin auf Straßen und Wegen

Ob dies nun bedrohlich viel oder harmlos wenig ist, bleibt Expertenstreit. Hat das wasserunlösliche und schwer auslaugbare Dioxin womöglich nur eine geringe „Umweltverfügbarkeit“? Ist es also so fest an andere Stoffe der Umwelt gebunden (an das Erdreich zum Beispiel), daß es nur einen Bruchteil seiner Toxizität entfalten kann? Oder steigert sich seine Giftigkeit im Verbund mit anderen gleichermaßen unerforschten wie gefährlichen Chemikalien um ein Vielfaches? „Solange ungeklärt ist, wie weit Dioxin ausgewaschen werden kann“, sagt der Kieler Toxikologe Wassermann, „ist das Gefahrenpotential überhaupt nicht abschätzbar. Außerdem weiß man nichts über seine Kombinationswirkungen mit anderen Schadstoffen.

In sorglosem Wiederverwendungseifer ging man jahrelang auch mit den Rückständen der Müllverbrennung um. Flugasche und Schlacken gelten allerdings schon allein wegen ihres beträchtlichen Gehaltes an Schwermetallen als bedenklich. Bundesweit wurde das Material verbaut und verstreut. Allein in Köln diente Flugasche seit 1977 bei rund 80 Prozent aller Geh- und Radwege als wohlfeile Unterlage.

Noch im März 1983 kam ein Gutachten des Chemischen Untersuchungsamtes in Hagen zu dem Schluß, daß es „keine Anzeichen gibt, die der Verwendung im Straßenbau entgegen stehen“. In Hamburg, wo seit 1979 nur noch die als ungefährlicher eingeschätzte Schlacke als Baumaterial verwendet wird, gab sich Entsorgungssenator Kuhbier nach den Dioxin-Funden in den Verbrennungsrückständen schon vorsichtiger: „Wenn klar wird, daß TCDD in der Flugasche enthalten ist, müßten in der Bundesrepublik großflächig Maßnahmen eingeleitet werden.“ Und die Berliner taz ätzte: „Vielleicht heißt es demnächst im Verkehrsfunk: ,Straßen bitte weiträumig umfahren’“. Hamburgs giftige Flugasche wird indes weiterhin auf die schleswig-holsteinische Sondermülldeponie Rondeshagen gebracht. Jedoch die DDR-Deponie Schönberg, international beliebte Müllkippe nahe der Grenze bei Lübeck, hat eine weitere Annahme des Materials untersagt.

Was die Beseitigung von industriellem Giftmüll angeht, setzen Unternehmen wie Boehringer seit den frühen siebziger Jahren auf die See-Verbrennung. Bei diesem Verfahren, so Boehringer-Weckstleiter Krum, werden „Abfälle aus der 2, 4, 5-T- und der Trichlorphenolproduktion zu 99,9 Prozent verbrannt.“ Das erfolge bei 1200 Grad, ein Unterschreiten dieser Temperatur sei „auf Grund eingeschalteter Sicherheitsvorkehrungen nicht möglich“. Krums Rechnung am grünen Tisch: 1981 verbrannte das Unternehmen 1863 Tonnen Abfälle, darunter 3,8 Kilo Dioxin, auf See; also blieben in den Abgasen noch 3,8 Gramm Dioxin. Fazit: Aus der Verdünnung im Meerwasser „folgert eine Konzentration von 0,000 000 000 04 Milligramm pro Tag und Liter“

Freilich geht es beim Verfeuern der jährlich mehr als 80 000 Tonnen halogenierten Kohlenwasserstoffe auf See nicht immer nach Krums Reinheitsgebot zu. Ein Schiffstechniker gab den Verbrennungsgrad entgegen Krums Abgaben mit nur 97 Prozent an. Das deutsche Verbrennungsschiff „Matthias II“ mußte im Mai 1983 seinen Betrieb einstellen: Bei einer Stichprobennahme war Dioxin gefunden worden.

„Wenn es Kaltsträhnen in den Öfen gibt“, warnt der Verbrennungs-Experte Johannes Jager, „besteht die Gefahr, daß vorhandene Dioxine nicht verbrannt werden und sich wegen der zu niedrigen Temperaturen neue bilden.“ Der Chemiker Imre Kerner berichtete 1981 auf einem Sonderabfall-Seminar in Bonn: „Die Verweilzeit von einer Sekunde im Hochtemperaturbereich ist zu kurz. Bei einem Simulationsversuch im Quarzrohr waren zu einer vollständigen Verbrennung vier bis acht Sekunden nötig.“ Fazit: Viele Giftstoffe, darunter Dioxin, gehen unzerstört durch die Schlote in die Nordsee.

Niemand will das Gift

Kein Wunder, daß es das erkärte Ziel der Bundesregierung ist, „die Sonderabfallbeseitigung auf See sukzessive bis auf Null zu verringern.“ Derzeit sind nur noch zwei Verbrennungsschiffe in Dienst: die „Vesta“ und die „Vulcanus II“, ein mit moderner Technik ausgerüsteter Mülldampfer. Seit 1983 in Betrieb, soll er allerdings nach erfolgreicher Probezeit in amerikanischen Gewässern seinen Dienst tun. Der weniger gut ausgerüstete Vorgänger „Vulcanus I“, ein mehr als 25 Jahre alter umgebauter Stückgutfrachter war ein recht bunter Hund: Er gehörte dem Ocean Combustion Service BV, einer Müllfirma in Chicago, und fuhr – von Rotterdam aus – unter der Flagge von Singapur. 1977 hatte das Schiff in einem Großauftrag über 8 Millionen Liter des im Vietnamkrieg übriggebliebenen Entlaubungsmittel „Agent Orange“ im Südpazifik „entsorgt“.

„Wenn ein Kontrolleur das Schiff von innen sehen würde, müßte er es aus dem Verkehr ziehen“, berichtete schon 1981 ein ehemaliger Techniker der „Vulcanus I“.

Die Angst vor dem Ultragift hat so manche Behörde vorsichtig gemacht. Zwar gibt es in der Bundesrepublik drei hochmoderne Abfallkrematorien (in Ebenhausen bei Ingolstadt, im westfälischen Herten und in Biebesheim bei Darmstadt) und einige von Chemiefirmen betriebene Sondermüllöfen, die Dioxin rückstandsfrei vernichten könnten. Aber niemand reißt sich um das Gift. Trotz der technischen Möglichkeiten untersagen die Behörden die Verbrennung von dioxinhaltigem Abfall in Biebesheim und Herten.

Abfallentsorgung ist Ländersache, und weder Hessen noch Nordrhein-Westfalen möchten sich die bundesweite (und zuguterletzt womöglich auch ausländische) Dioxin-Last aufladen. In Hessen selbst besteht für Giftmüll Anschlußzwang, das heißt, dort entstandene Abfälle müssen zu vom Ministerium festgelegten Preisen ordnungsgemäß entsorgt werden. Doch kein Gesetz ist ohne Lücken: Clevere Müllbeseitiger deklarieren die Abfälle kurzerhand zu wiederverwertbarem Wirtschaftsgut und „verkaufen“ es zu Phantasiepreisen von fünf Mark die Tonne „legal“ ins Ausland.

Im Dioxin-Zwielicht befinden sich womöglich auch die 25 Millionen bundesdeutscher Kraftfahrzeuge. Doch Professor Ballschmiter wurde schnell abgewimmelt, als er sich für ein heikles Untersuchungsprogramm stark machte: Er wollte Autoabgase auf Dioxin untersuchen. Im Verbrennungsvorgang der Auto-Motoren vermutet Ballschmiter eine mögliche Dioxin-Entstehung. Beim Kaltstart und bis der Motor warmgelaufen ist, würden „viele Stoffe nicht oder nicht richtig verbrannt. Ein kalter Motor hat den Effekt einer schlecht beheizten Müllverbrennungsanlage“.

Hinweise für die Richtigkeit seiner Vermutung zog der Forscher aus einer amerikanischen Untersuchung: Im Straßenstaub von St. Louis waren 0,047 ppb, in Washington 0,005 ppb Dioxin gemessen worden. „Eigentlich“, so Ballschmiter, „müßte man nur auf Autofriedhöfen ausrangierte Auspuffanlagen untersuchen: ich bin ziemlich sicher, daß da Dioxine zu finden wären.“

Ebenfalls aus den Vereinigten Staaten kommt die Theorie, daß überhaupt bei jeder Verbrennung fossiler Brennstoffe Dioxine entstehen. „Die Spurenchemie des Feuers“ nennt sich eine neue Forschungsrichtung, die vor allem vom Chemiekonzern Dow Chemical gefördert wird. In einer Studie von 1979 vermutete der Dow-Chemiker Ronald Kagel, daß „Dioxine die Welt verschmutzen, seitdem es Feuer auf der Erde gibt“.

Von Menschenhand synthetisiert wurde die Gruppe der chlorierten Dioxine erstmalig 1872 – durch deutsche Chemiker. Doch erst 1957 identifizierte der Arzt Karl-Heinz Schulz im Hamburger Universitätskrankenhaus das 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-para-dioxin als Verunreinigung des Unkrautvernichtungsmittels 2,4,5-Trichlorphenoxy-Essigsäure (2,4,5-T). Im gleichen Jahr stellte der Chemiker Sandermann zum ersten Mal wissentlich dieses giftigste aller Dioxine her.

Dioxin ist ein Musterfall für das Dilemma im Umgang mit chemischen Substanzen. Immer wieder dauert es Jahrzehnte, bis sich mögliche Gefahren und Spätfolgen einer neuen Verbindung überhaupt abschätzen lassen. Erst seit kurzem ist die Analysetechnik so weit, auch noch minimale Konzentrationen messen zu können: 1969 lag die Nachweisgrenze für Dioxin bei gerade 1000 ppb, 1980 schon bei 0,5 ppb. Das Laboratorium der Dow-Chemical in Michigan weist das Gift heute schon in Mengen von 0,08 ppb nach.

Seit der Jahrhundertwende – damals setzte die industrielle Anwendung chemischer Verfahren ein – haben chlorierte Kohlenwasserstoffe Krankheiten ausgelöst. 1865 machte die Erfindung des Dynamos durch Werner Siemens die elektrolytische Herstellung von Chlor möglich. Chlorelektrolysearbeiter wurden die ersten Opfer einer Krankheit, welcher der Frankfurter Arzt Karl Herxheimer 1898 den Namen gab: Chlorakne. Bis der Auslöser für die tückischen „Arbeiterpocken“ gefunden war, dauerte es noch gut 50 Jahre. Hunderte von Chemiearbeitern und ihre Familien wurden von dieser entstellenden Hautkrankheit befallen.

Das Leiden trat auch 1953 nach einem Unfall im BASF-Werk Ludwigshafen auf. Bei der Synthese von 2,4,5-Trichlorphenol „kam es am 17. November 1953 zu einer unvorhergesehenen Zersetzung“ (BASF-Schilderung). Es entstanden, wie die Werkchemiker annahmen, „sehr toxische Chlorkohlenwasserstoffe“, die sich in alle Räume der Anlage verteilten. Arbeiter und Handwerker, die den Schaden beheben sollten, insgesamt 42, erkrankten an schwerer Chlorakne.

Eines der Opfer, der Sohn eines schwer vergifteten Arbeiters, zog sich die typischen Hautveränderungen allein dadurch zu, indem er vom Vater gebrauchte Handtücher und Schals benutzte. Ein Monteur, der fünf Jahre nach dem Unfall eine Reparatur an der Produktionsanlage vornahm, starb neun Monate später: „Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit hatte er sich an den Trichlorphenol-Zersetzungsprodukten vergiftet“, protokollierte der BASF-Werkarzt.

Alle Versuche, die Fabrik zu entgiften, scheiterten: 1969 ließ die Firmenleitung die Anlage unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen abreißen, den Schutt in Salzbergwerke verfrachten.

Inzwischen kannten die Ludwigshafener den Grund für die Erkrankungen: Dioxin aus der Trichlorphenol-Herstellung. Bei Bayer in Leverkusen waren 1954 24 Arbeiter an Chlorakne erkrankt. Im gleichen Jahr befiel die Hautkrankheit bei Boehringer in Hamburg 31 Arbeiter der 2,4,5-T-Herstellung. „Wir hielten erst das 2,4,5,-T selbst für die Ursache“, erinnert sich Karl-Heinz Schulz, der damals als junger Assistenzarzt am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf die Opfer behandelte.

Nach Angaben ehemaliger Arbeiter glich die Boehringer-Fabrikhalle vor 30 Jahren einer alchimistischen Giftküche. Sie zerschlugen das angelieferte Trichlorphenol mit einem Beil, füllten es von Hand in die Reaktionskessel und ließen die ganze

Chose brodeln. Während der Produktion mußte der dampfende Hexenkessel einige Male geöffnet und Laborproben entnommen werden. Die Arbeiter, ahnungslos: „Wir dachten, das Zeug koche so lange, bis es nicht mehr giftig sei.“

Nachdem der Mediziner Schulz im Tierversuch herausgefunden hatte, daß weder Trichlorphenol noch 2,4,5-T allein die Tiere umkommen ließen, kam nur eine chemische Verunreinigung dieser Stoffe als das tödliche Gift in Frage. In Tests gelang es dem Boehringer-Chemiker Sorge, dies hochgiftige unbeabsichtigte Nebenprodukt im Destillationrückstand des Trichlorphenolreaktors auszumachen: das seither so bezeichnete 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-para-dioxin. Den endgültigen Beweis lieferte Schulz, als er sich dioxinverseuchtes Trichlorphenol im Selbstversuch auf den Arm strich – prompt holte er sich Chlorakne.

Von 1957 an produzierte Boehringer 2,4,5-T nach einem von der Firma neuentwickelten Niedertemperaturverfahren. Die Menge an Dioxin im Endprodukt sank dadurch auf unter 1000 ppb. Größere Mengen Dioxin fielen jedoch weiterhin als Produktionsrückstand an. Nach der Umstellung bei Boehringer kam es aber nicht mehr zu dioxinspezifischen Erkrankungen.

Sola dosis facit venenum – es komme nur auf die Dosis an, ob eine Substanz giftig sei. Das erkannte der berühmte Arzt und Naturforscher Paracelsus schon im 16. Jahrhundert. Professor Herbert Grünwald, Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie, glaubt auch für Dioxin eine harmlose Dosis zu kennen. Wenn man ein Milligramm einer x-beliebigen Substanz in 1000 Liter Wasser auflöse, sagte Grünwald in einem Interview, sei er bereit, täglich einen halben Liter davon zu trinken. Das macht beispielsweise ein halbes Millionstel Gramm (ein halbes Mikrogramm) Dioxin pro Tag.

Grünwald wäre gut beraten, wenn er den Mund nicht zu voll nähme. Sicher ist zwar, daß er von seiner selbstgewählten Dosis nicht augenblicklich tot umfallen würde. Doch ein halbes Mikrogramm reicht immerhin aus, um einem Meerschweinchen mit absoluter Sicherheit den Garaus zu machen. Meerschweinchen, so ergaben Tierversuche, regieren am empfindlichsten von allen getesteten Tierarten auf Dioxin. Kaninchen, Mäuse oder Affen vertragen mehr. Hamster erliegen dem Dioxin gar erst nach Genuß der 5000facnen Menge dessen, – woran Meerschweinchen eingehen.

Wieviel Dioxin der Mensch vertragen kann, weiß bis heute niemand genau. Im Jahr 1980 schätzte die amerikanische Umweltbehörde ein Milliardstel (Nano)-Gramm Dioxin pro Kilo Körpergewicht als unbedenklich ein. Die Niederländer hingegen gaben sich noch vorsichtiger: dort gelten nur 0,004 Nanogramm pro Kilo Körpergewicht als gefahrlose Tagesdosis.

Nur soviel ist sicher: Dioxin ist – zumindest für bestimmte Tierarten – die bislang giftigste künstlich hergestellte Substanz der Welt. Nur die Natur selbst halt schlimmere Gifte bereit. Das Diphterie-Toxin ist (an der Maus) tausendmal, das Botulismus-Toxin bestimmter Fleischvergiftungen gar hundertmillionenmal giftiger. Als Vergleich: Zyankali erwies sich im Tierversuch hunderttausendmal harmloser als Dioxin.

Wissenschaft in Noten

Genauso verwirrend wie die tödliche Dosis für Tiere ist der Effekt, den Dioxin auf die einzelnen Arten ausübt. Ratten sterben an Leberkrebs, bei Meerschweinchen schlägt sich das Gift auf alle Organe nieder, andere Tiere werden anfällig für Infektionen. Chlorakne, der bekannteste Dioxin-Effekt beim Menschen, erfaßt auch Kaninchen, Affen oder Rinder nicht aber Mäuse oder Hamster. Weniger als ein Zehntel Nanogramm lösen bei Mäusen schon Nierenschäden und Embryo-Defekte aus. Weibliche Affen erlitten nach einer nur drei Wochen währenden täglichen Gabe von 48 Nanogramm Dioxin pro Kilo Körpergewicht in 75 Prozent aller Fälle Fehlgeburten.

Unsicher ist, wie stark Dioxin beim Menschen zur Auslösung von Krebs beiträgt. Im allgemeinen werden für derlei Schlüsse die Ergebnisse von Tierversuchen an Ratten herangezogen. An diesen Nagetieren hat sich Dioxin als dreimal krebsgefährlicher erwiesen als das Schimmelgift Aflatoxin B. – eines der gefährlichsten Karziogene, die es gibt.

Da Dioxin die verschiedensten Arten von Krebs auslösen kann, vermuten Tumorspezialisten, daß der Stoff nicht unbedingt selber für den Krebs verantwortlich ist. Fachleute sprechen dann von einem Promotor oder einem Co-Karzinogen. Solche Verbindungen machen die Zelle erst angreifbar für ein tatsächlich krebsauslösendes Mittel. Tierversuche des Biochemikers Henry Pitot von der Universität Wisconsin belegen, daß Dioxin in Verbindung mit einem Karzinogen, wie etwa Nitrosamin, weitaus gefährlicher wirkt, als beide Substanzen getrennt. Vermutlich schiebt sich Dioxin in der Zelle zwischen den Doppelstrang des langen, fadenförmigen Moleküls der Erbsubstanz DNA. Das führt dann zwangsläufig zu Fehlentwicklungen im Stoffwechsel der Zelle.

Es ist eigenartig, daß die Wissenschaft immer noch keine klaren Folgen von Dioxin auf die Gesundheit der Menschen kennt. Denn es gab seit 1949 mindestens 25 bekanntgewordene Unfälle mit dem Ultragift in Chemiefabriken. Die Pannen bei BASF, Boehringer und Bayer waren hierzulande die schlimmsten. Beim österreichischen Produzenten Chemie-Linz kam 1973 mindestens 100 Menschen durch Chlorakne zu Schaden. Weltweites Aufsehen erregte Dioxin freilich erst, als nach der Katastrophe im italienischen Seveso die Bilder entstellter Kindergesichter um die Welt gingen.

Am 9. Juli 1976 entwich aus einem geborstenen Kessel für die Trichlorphenolproduktion der Fabrik Icmesa eine Giftwolke mit enormen Mengen Dioxin: mehr als zwei Kilo. Die Umgebung des Werkes, Menschen, Tiere und Pflanzenwelt wurden auf das Schlimmste verseucht. Wie viele Erkrankungen der Unfall zur Folge hatte, konnte nie exakt festgestellt werden. Doch Hunderte Fälle von Chlorakne wurden behandelt, an manchen Untersuchten ließen sich Nervenschäden nachweisen, die Zahl der Tot- und Mißgeburten stieg.

Neben den zahlreichen Unfällen in Chemiefabriken gab es einen brachialen – wenn auch so nicht gewollten – Dioxin-Großversuch mit Menschen: Von 1962 bis 1970 versprühte die amerikanische Luftwaffe rund 22 Millionen Kilo 2,4,5-T und eine noch größere Menge 2,4-D als Entlaubungsmittel über dem vietnamesischen Dschungel („Operation Ranch Hand“). Nach Berechnungen der Air Force sind dabei rund 160 Kilo Dioxin als Verunreinigung der Kriegschemikalien „Agent Orange“, „Agent White“, „Agent Pink“ und ,Agent Purple auf Vietnam niedergegangen.

Die Folgen lassen sich heute noch nicht restlos abschätzen. Für den Zeitraum von 1962 bis 1968 stellten vietnamesische Mediziner im Süden des Landes einen Anstieg der tödlichen Leberkrebs-Fälle von 2,9 auf fast zehn Prozent fest. 1976 berichtete der Dioxin-Experte Ton That Tung in Hanoi über eine auffällige Häufung von Tot- und Mißgeburten. Beim „Internationalen Symposium über Unkrautvertilgungsmittel und Entlaubungsmittel im Krieg“ im Januar 1983 in Hanoi wurden abermals schwere Mißbildungen, Krebserkrankunten aller Organe, Blutfetterhöhung und Immunkörpermangel als Folge des Giftkrieges genannt. Im Sommer 1982 wertete ein Medizinerteam des „Institutes für Mutter und Kind“ in Hanoi die Schwangerschaften von 40 064 Frauen aus. Ergebnis: Rund 20 Prozent mehr Fehlgeburten und rund 35 Prozent mehr angeborene Erbmassenschäden bei den Kindern jener 11 023 befragten Frauen, deren Männer in Südvietnam den Giftsprühaktionen ausgesetzt waren.

Naht das Ende der Dioxin-Ära?

An dem Symposium in Hanoi nahmen erstmals auch amerikanische Forscher teil. Denn Tausende amerikanischer Vietnam-Veteranen leiden unter mutmaßlich dem Dioxin zuzuschreibenden Spätfolgen wie Nervenleiden und Krebserkrankungen. Auffällig zugenommen haben auch Mißbildungen bei ihren Kindern.

Der im Sold der Air Force stehende Wissenschaftler Alvin Young gibt sich freilich zuversichtlich: Bislang habe sich kein Effekt an Vietnam-Veteranen feststellen lassen. In Washington erhoben dennoch über 17 000 ehemalige Vietnam-Soldaten Klage gegen die Hersteller des Entlaubungsmittels „Agent Orange“. Es könnte der langwierigste Schadenersatzprozeß der Geschichte werden.

Das im Vietnamkrieg in Verruf geratene Herbizid 2,4,5-T ist längst in einer Reihe von Ländern verboten oder zumindest im Gebrauch stark eingeschränkt. 1979 zog die amerikanische Umweltbehörde die Zulassung des Herbizids in Waldgebieten zurück; in Australien, Italien, den Niederlanden, in den skandinavischen Staaten und in der Sowjetunion ist das Mittel verboten.

Nicht aber in der Bundesrepublik! Hierzulande sind derzeit 62 Präparate zugelassen, die 2,4,5-T enthalten. Ein Verbot scheiterte 1981 an der mächtigen Lobby der Pestizid-Industrie. Im Auist 1982 ließ die Biologische Bundesanstalt in Braunschweig „im Einvernehmen mit dem Bundesgesundheitsamt“ 2,4,5-T-haltige Pflanzenbehandlungsmittel bis Ende Oktober 1985 wieder zu. Gesundheitliche Risiken, hieß es, bestünden nicht. Einzige Auflage: Der Dioxin-Gehalt darf künftig nicht 0,005 Milligramm je Kilo (fünf ppb) überschreiten. In den Jahren zuvor war die zulässige Höchstmenge Dioxin im 2,4,5-T schon von 100 auf zehn ppb gesenkt worden. „Man kann die Präparate politisch verbieten“, sagt Ministerialrat Hans-Georg Pag, Referatsleiter für Pflanzenschutz im Bundeslandwirtschaftsministerium, „aber eine wissenschaftliche Begründung dafür gibt es nicht.“

Derzeit stellt weltweit nur noch ein Unternehmen 2,4,5-T her: just eine Firma im vermeintlich umweltsorgenfreien Neuseeland. Die einzigen europäischen Produzenten, Boehringer in Hamburg und die staatseigene Chemie-Linz in Österreich, stellten 1983 ihre 2,4,5-T-Produktion ein. Denn seit dem 9. Juni 1983 verbieten zwei Verordnungen des Bundesrates den Transport von Dioxin in jeglicher Konzentration. Von dem Verbot ausgenommen sind lediglich die von der Biologischen Bundesanstalt zugelassenen 2,4,5-T-haltigen Herbizide.

Vorbei ist es seit vergangenem Jahr mit den Giftabfall-Fuhren von Hamburg und Linz nach Rotterdam zum Verbrennungsschiff „Vulcanus“. Die Linzer hatten freilich eine Zeitlang ihr Gift noch auf eine langwierige Rundreise geschickt: von Linz mit der Bahn nach Polen, von dort per Schiff nach Rotterdam. Und sie wollen nicht lockerlassen; derzeit tüfteln sie an einem neuen Produktionsverfahren, „bei dem Dioxin gar nicht erst anfallen soll“.

Hierzulande könnte freilich schon nächstes Jahr das Ende für 2,4,5-T-haltige Präparate kommen. Denn die Lagervorräte bei Boehringer, schätzt der Industrieverband für Pflanzenschutzmittel, „reichen nicht länger als für 1984“, und die Produktion in Neuseeland würde nicht ausreichen, den bisherigen deutschen Inlandsbedarf zu decken. Die Pflanzenschutzmittel-Produzenten werden sich also bald „nach anderen Möglichkeiten umsehen müssen“.

Für guten Rat wären auch die freiwilligen und unfreiwilligen „Besitzer“ von Dioxin dankbar. Bei Boehringer in Hamburg stehen drei Kesselwagen mit 150 Tonnen dioxinverseuchten Abfalls; in Georgswerder stapeln sich die Fässer mit dem Giftsud des Müllberges. Mit einer Ausnahme-Transportgenehmigung kann Entsorgungssenator Kuhbier erst rechnen, wenn sich eine Verbrennungsanlage bereit erklärt, ihm das Gift abzunehmen, und wenn er nachweist, daß Dioxin dort auch vernichtet wird.

Doch Dioxin wieder loszuwerden – nichts ist offenbar schwieriger als das. Die Politiker tun sich da nicht leichter als die Natur. Wer das Gift einmal hat, scheint dazu verurteilt, auf ihm sitzen zu bleiben. Im Bundesverkehrsministerium ist „keine Änderung des Transportverbots beabsichtigt“.

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