Buxtehude

Was nutzt die hervorragende Aerodynamik, das konsequente Karossen-Styling noch? In Buxtehude macht das Gasgeben keinen Spaß mehr: Seit dem 14. November 1983 dürfen Autos nur noch mit Tempo 30 über das Pflaster schleichen, Schonzeit für Fußgänger und Radfahrer im Rahmen eines Verkehrsversuchs. Die 32 000 Einwohner der Stadt vor den Toren Hamburgs sind geteilter Meinung über das Experiment, das zunächst bis 1986 andauern soll.

Den autofahrenden Versuchskaninchen paßte das alles zunächst gar nicht. Früher hatten die Motorisierten die Strecke von der Stadtgrenze bis zum Bahnhof in vier Minuten bewältigt. Das Gymnasium in der Konopkastraße erreichten „Sportliche“ noch schneller. Wer hält sich schon ans Tempolimit, wenn nicht gerade Radarkontrollen lauern? Viele Fahrer sehen Geschwindigkeitsbegrenzungen mehr als Richt- denn als Höchstwerte an. Richtgeschwindigkeit 50 heißt 60 bis 70 Sachen auf dem Tacho – was das Sportliche am Fahren ausmacht, wie Verkehrsforscher wissen.

200 unüberwindbare Betonhindernisse verengen nun ehemalige Rennstrecken auf eine Fahrspur, behindern die freie Sicht der „freien Bürger“, für die der ADAC nicht müde wurde, freie Fahrt zu fordern. „Lebensgefährlich“ urteilte die autofahrende Gemeinschaft; über die Verkehrsgefährdung durch die Kübel könne auch der „Firlefanz mit der Meßanlage“ nicht hinwegtäuschen, monierte eine Anwohnerin in einer Fernsehsendung zum Thema.

Die Meßanlage signalisiert dem Autofahrer beizeiten, „Sie fahren schneller als 30“. Dazu Stopps an jeder der sieben kleinen Kreuzungen, seit in der Konopkastraße, der einstigen Hauptverkehrsader, rechts vor links gilt.

Dem Stadtbaurat Otto Wicht wurde in Leserbriefen an die Lokalpresse der Titel „Kübel-Otto“ verliehen. „Herr Wicht, die Stadt ist dicht“, reimte der Altstadtverein, dessen Mitglieder Umsatzeinbußen für ihre Geschäfte befürchteten. Die Mär von den vier Autofahrern, die an einer Kreuzung aufeinandertreffen und einen Stau verursachen, weil keiner von ihnen sehen kann, wer denn wohl Vorfahrt haben könnte, hat sich bis heute gehalten.

Die Gefährdung durch die Wichtschen Blockaden wurde überschätzt: Wohl kollidierten angetrunkene Fahrer mit dem Beton; der Kübeltote allerdings, den ein Magazin der Leserschaft präsentierte, entpuppte sich als Kradfahrer, der wegen seiner beschlagenen Helmscheibe einen Kübel übersehen und gerammt hatte – und er ist noch am Leben.

Nun ist Buxtehude kein Musterbeispiel für originelle Stadtsanierung, wie die Fahrt entlang unzähliger Supermärkte und Ärztezentren zeigt – am Werkstoff Beton hat sich der Unmut denn auch nicht entzündet. Die prestigeträchtige PS-Stärke kommt einfach nicht mehr aus dem Rohr. Soll sie auch nicht, sagen die politisch Verantwortlichen von „Kübeltown“. Für den bundesweiten Modellversuch hatten sich immerhin über 200 Gemeinden und Städte interessiert. Mainz, Borgentreich in Westfalen, Esslingen, Ingolstadt, gar Berlin werden den „Großversuch flächenhafte Verkehrsberuhigung“ wagen. Sie folgen dem Beispiel Buxtehudes, das sich auf diese Weise werbewirksamen Vorsprung in den Schlagzeilen und Bonner Forschungsgelder verspricht. Dafür lohnen die Auto-Schungeleien wohl.

„Anfahren, Motor hochjubeln, stoppen“ – das durch die Hindernisse erzwungene Fahrverhalten trage zur Umweltverschmutzung bei, vermutet ADAC-Sprecher Alfred-Max Dörfler. Studien in 30 nordrnein-westfälischen Wohngebieten hätten 1979 bewiesen, daß in verkehrsberuhigten Stadtteilen besonders schlechte Luft herrsche, weil die Menge der Abgase mit sinkender Geschwindigkeit zunehme. Daß ausgerechnet die Natur als Argument für die Raser Verhalten muß, vernehmen die einen mit klammheimlichem Vergnügen. Die anderen, rund 11 000 Einwohner aus den Stadtgebieten Sagekuhle, Petersmoor und Brunckhorstsche Wiesen können dagegen auf ihren Balkons endlich die Ruhe, genießen, die viele von ihnen aus der Großstadt in die grüne Umgebung gelockt hatte. So gerät die Phalanx der Tempo-30-Gegner allmählich ins Wanken.

Unbestritten leidet die Umwelt bei maßvollem Verkehrsfluß am wenigsten. Ob der Verkehr aber fließt – darüber gehen die Meinungen zwischen Stadtbaurat und Mobilistenlobby weit auseinander. Auf den neugeschaffenen Straßentangenten fahre es sich recht zügig, und Altstadtbewohner könnten schließlich auch mal aufs Rad steigen oder die neuen Fußgängerzonen nutzen, findet Stadtbaurat Otto Wicht. Dies tun sie offenbar: Rollten 1981 rund 6000 Autos täglich über die Konopkastraße, waren es Mitte Januar 1984 gerade noch 3880. Das geplante „Verdrängungsziel“ ist somit fast erreicht.

Die Forderung der Alternativen im Stadtrat, die Kübel durch Bäume und Rasen zu ersetzen, sollen bald erfüllt werden. Die schlimmsten Hindernisse wurden etwas zurückgesetzt, das Chaos blieb aus. Genau 48 Sekunden mehr braucht der Autofahrer für die Tour im Schneckentempo durch die Stadtmitte.

Tempo 30 bringt heute kaum jemanden mehr auf 80. Der Slogan „Schleichen statt Leichen“ gewinnt Freunde. Die Mehrheit der Buxtehuder hat sich mit 40 verkehrsberuhigten Straßenkilometern arrangiert. Und Taxifahrer hatten für die neue Höchstgeschwindigkeit sowieso nur ein müdes Lächeln übrig. Schließlich schlich der Verkehr in der Rush hour von jeher schrittweise über die Straße zum Bahnhof. Wenn die Bundesbahn die Schranken herunterläßt – und dies geschieht bis zu hundertmal am Tag – gerät eine Fahrt mit Tempo 30 zum rasanten Wunschdenken.

Dörte Schubert