Willem de Kooning-Retrospektive in BerlinDer Europäer der Neuen Welt

Der „Triumph der amerikanischen Malerei“ ist schon lange Geschichte. Was 1950 auf der Biennale von Venedig begann und spätestens mit der Pollock-Sonderschau der zweiten documenta seinen Höhepunkt erreichte, war nichts weniger als das Ende der europäischen Vorherrschaft in der (westlichen) Kunst. Es schien, als habe der junge Kontinent mit all seiner ungebroebenen Kraft auch die Malerei neu begründet, voraussetzungslos und mitten in einem kulturellen Vakuum.

Die Legende von den Kunstpionieren in der amerikanischen Wildnis hat nie gestimmt, denn der „Abstrakte Expressionismus“ hatte eine lange Entstehungszeit hinter sich, als er Ende der vierziger Jahre – und durchaus nicht unumstritten – in New York sich durchzusetzen begann. Halb gezielt, halb zufällig war die Stadt zum Zentrum der internationalen Avantgarde geworden, mit immerhin drei Museen moderner europäischer Kunst und zugleich als Fluchtpunkt versprengter Europäer von Mondrian bis Léger. Willem de Kooning war lange vor ihnen gekommen, 1926 als illegaler Einwanderer. Er suchte das optimistische Amerika der unbegrenzten Möglichkeiten und wurde zum Künstler in der Depression, als der Optimismus Konkurs anmeldete.

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Willem de Kooning gilt als der typische Vertreter des abstract expressionism, wenn auch aus europäischer Sicht weniger als Pollock. Das ist eigentlich verwunderlich, schlägt doch sein Werk viel eher eine Brücke zwischen den Kontinenten, Schon das Wort „abstrakt“ mochte de Kooning nicht hören, und mit ständigem Wechsel zwischen ungegenständlichen und figurativen Werkreihen hat er denn sein Publikum auch häufig verwirrt.

Heute, wo die Geschichte der Kunst wieder einmal als Selbstbedienungsladen herhalten muß, mag diese unbekümmerte Mißachtung geheiligter Dogmen besonders aktuell sein. Ein Grund mehr für die Berliner Akademie der Künste, dem vor zwei Jahren zu ihrem Mitglied gewählten Maler zu dessen 80. Geburtstag eine umfassende Retrospektive einzurichten, die erste überhaupt in Deutschland. (Siehe auch den Bericht im ZEIT magazin Nr. 11.) Das Unternehmen geriet zu einem finanziellen Kraftakt, der nur mit Hilfe Sponsoren bewältigt werden konnte. Der rapide ansteigende Marktwert de Koonings wie auch die zunehmende Fragilität mancher Gemälde ließen nicht alle Leihwünsche in Erfüllung gehen. Den opulenten, aber dennoch handlich gebliebenen Katalog muß zu Hilfe nehmen, wer die in der Ausstellung zutage tretenden Lücken zugunsten des „ganzen“ de Kooning schließen will.

Die chronologische Abfolge der rund anderthalb Dutzend Werkgruppen wird in den weitläufigen Hallen der Akademie sehr geschickt durch massive Einbauten gegliedert, die zugleich den Zeichnungen Schutz bieten. Bisweilen glaubt man weniger der Entwicklung eines einzelnen zu folgen als in einer Kollektivausstellung zu sein – das Wort vom „Picasso Amerikas“ hat in diesen Stilbrüchen eine Wurzel.

Der Aufschrei des Entsetzens, den die Serie der wüsten, bedrohlichen, lebensprallen „Frauen“ 1953 auslöste, sei’s wegen des Sujets, sei’s wegen des „Verrats“ an der Gegenstandslosigkeit, beruht auf einem Mißverständnis. De Kooning regredierte nicht zum verpönten Abbild, er hatte nur erkannt, daß er genausogut ein Bild von einem Menschen malen könne, wie es bleiben zu lassen: das Malen ist das Entscheidende. „Es ist ein Ereignis, bei dem ich Entdeckungen mache, ohne jede Aussage.“ Natürlich lassen sich die Bilder auch als Aussagen lesen. De Koonings Stärke liegt ja gerade darin, daß der Vorgang des Malens, der ihn ja seiner Intensität und seines Einsatzes wegen dem action painting zurechnen läßt, nie ganz losgelöst ist von der konkreten Umwelt des Künstlers.

Das Spätwerk führt den Wechsel von Abstraktion und lebenlangem „Frauen“-Thema bis in die Gegenwart, vielleicht weniger dicht als in den fünfziger Jahren. Problematisch sind die Skulpturen, die de Kooning seit 1959 nebenbei modelliert und deren größte, die „Sitzende Frau“, den Eingang der Akademie bewacht. Die Übersetzung der Handschrift des Malers in Volumen und Oberfläche der Plastiken überzeugt nicht. Die Zeichnungen und die großartigen Pastelle unterstreichen, daß de Koonings Domäne die Fläche ist, die er mit knappen Strichen und Schwüngen beherrscht. Jede Malerei... ist heute ein Lebensstil“, hat de Kooning 1951 gesagt, in einem seiner raren Vorträge. Trotzdem hat er Malen und Leben nicht verwechselt wie Pollock. Er beherrscht, wie die Berliner Ausstellung unangestrengt vorführt, das Metier des Malers souverän. Er ist ein Amerikaner, der die europäische Tradition nie zu verleugnen brauchte. (Akademie der Künste bis 6. Mai, Katalog 44,– DM, im Buchhandel 64,– DM.)

Bernhard Schulz

 
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