Sendak liebt Monster und den Machandelboom
Sendaks liebstes Märchen hat Philipp Otto Runge aufgeschrieben: die Geschichte vom Machandelboom. Eine Hommage an das unerschrockene und zärtliche Marlenichen versteckt sich auch in Sendaks neuestem Bilderbuch ALS PAPA FORT WAR“.
Dämonen, böse Geister, Kobolde und Monster hat kein Illustrator der Gegenwart im Kinderbuch so meisterlich beschworen wie Maurice Sendak. Nicht nur im Kinderbuch. In siebenundzwanzig Schwarzweiß-Zeichnungen zu ausgewählten Märchen der Brüder Grimm zeigt Sendak nicht nur altmeisterliche Könnerschaft, sondern profunde Kenntnis der deutschen Romantiker.
In diesen Federzeichnungen von fast kühler Schönheit, feinstem Strich, zarten Schraffuren sind Schwermut, Stille, Magie und Bedrohliches von Märchen eingefangen – eben jene un-heimlichen Elemente der Volksmärchen, um die eine oberflächliche, gefällige Illustration der mythischen Texte den Betrachter immer wieder hat betrügen wollen.
Das Frontispiz des ersten Bandes dieser Märchensammlung aus dem Jahre 1973 zeigt ein dralles, dickliches Kind mit weit aufgerissenen Augen, ungelenker Baby-Bewegung – mühsam gehalten von sechs keuchenden Haulemännchen, die das plumpe Ding auf dünnen, kleinen Schultern schleppen.
Es ist die Illustration zu Grimms Märchen „Die Wichtelmänner“, einem Märchen, das gerade sieben Sätze umfaßt und die sonderbar finstere Geschichte eines Wechselbalges erzählt, den eine verzweifelte Mutter auf den Herd setzt und in zwei Eierschalen kocht, um ihn zum Lachen zu bringen. Dann nämlich, hat man ihr gesagt, „sei es aus mit ihm“.
Dergestalt auf der Feuerstelle mit Hitze traktiert, langt der grausliche Klotzkopf tatsächlich an zu lachen und wird von Wichtein gegen das echte Kind ausgetauscht.
Dieser Topos des greinenden, merkwürdig greisenhaft aussehenden Babys findet sich in vielen Sendak-Büchern: in „Higgelti Piggelti Pop“, „The first Schlemiel“, „The Bee-Man of Orn“ und nun in Sendaks neuestem Bilderbuch, das mit drei Jahren Verspätung zu uns nach Deutschland kommt: „Outside Over There“ erschien schon 1981 bei Harper & Row in den USA –
Maurice Sendak: „Als Papa fort war“, Diogenes Verlag, Zürich; 40 S., 29,80 DM.



