Das BurgenlandDer Charme barocker Behäbigkeit

Österreichs kleinstes Bundesland vermittelt den Reiz des Ostens unter der Obhut des Westens

Von Ilse Tubbesing

Gänseherden und Angerdörfer, Salzlaken und Buschenschenken – Kenner wissen, wovon die Rede ist: vom Burgenland. Für Österreichs kleinstes, jüngstes, eigenartigstes und abgelegenstes Bundesland hegen deutsche Urlauber eine Passion. Neunzig Prozent aller ausländischen Gäste in dieser Region kommen aus der Bundesrepublik.

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Existent ist das Ländchen erst seit 1921. Nach dem Ersten Weltkrieg kam dieser Zipfel von Ungarn und Österreich mit seiner abenteuerlichen Streckenführung durch Volksabstimmung zu Österreich. Ein Staatsgebilde vom grünen Tisch, das an seiner schmälsten Stelle nicht einmal fünf Kilometer mißt. Grenzland zwischen Ost und West, Durchzugsland über Jahrtausende, Unberechenbarkeit war das einzig Berechenbare im Schicksal seiner Bewohner. Dörfer haben hier so seltsame Namen wie Deutsch-Minihof und Kukmirn (ein Name, den man sich merken muß), wie Apetlon und Wulkaprodersdorf, das bis auf den heutigen Tag rein kroatisch ist.

Doch nicht die Geschichte vom grünen Tisch läßt die deutschen Urlauber kommen und wiederkommen. Den Ausschlag geben vielmehr zwei Komponenten: einmal die unverwechselbare Landschaft am Rande der Pannonischen Tiefebene mit dem größten Steppensee Europas, mit Ziehbrunnen wie in der Pußta, mit flirrender Hitze im Sommer, zum anderen der unschätzbare Vorteil, daß der Fremdenverkehr hier fast durchweg noch familiären Charakter hat (wobei man einige Orte und ein Feriendorf im Gebiet des Neusiedlersees allerdings ausklammern muß). Das gesamte Burgenland verfügt heute über gerade so viele Gästebetten wie der Ort Saalbach-Hinterglemm im Salzburgischen, nämlich etwas über 20 000.

Kukuruz bis zum Horizont

Dieser Urlaub von der alten Sorte – behäbige Dörfer im Mittagsschlaf, Sonne über Weinbergen und Buschenschenken, wo ein paar Tische und Bänke in den Apfelbaumschatten vor den Weinkeller im Wingert gestellt werden – dieser Urlaub von der alten Sorte blieb erhalten, weil den Burgenländern das Know-how für den Fremdenverkehr fehlte. Touristiker sprachen denn auch schon vom time-lag, vom Nachholbedarf, und danken heute allen Göttern, daß dieser „sanfte Tourismus“ nicht verlorenging. Alles begann vor zwanzig, dreißig Jahren höchst bescheiden. Die Wiener und die Bundesdeutschen kehrten in den Buschenschenken ein und kauften sich den Wein, der ihnen am besten schmeckte. Irgendwann räumte dann die Frau des Weinhauers (so heißen hier die Weinbauern) ein Zimmer aus, ein Bett wurde „eini geteilt“, das war der Anfang des Fremdenverkehrs.

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