Das Wort hat Hochkonjunktur und das ist der Klarheit seines Inhalts nicht bekömmlich. Doch im Kern bedeutet „alternativ“ immer noch, etwas ganz anders zu machen, das Gegenteil von dem, was gestern gang und gäbe war und auch heute noch weitgehend so ist. In Verbindung gebracht mit dem in alternativen Kreisen mittlerweile zum Reizwort gewordenen Wort „führen“ bedeutet alternativ eigentlich „nichtführen“, weil eben das die Alternative ist. Die sich auf der politischen Ebene abspielenden spektakulären Auseinandersetzungen der Grünen, die bis zur Handlungsunfähigkeit in sich darüber zerstritten sind, ob es mit ihrer Identität als Alternative vereinbar sei, die Metamorphose von der Bewegung zur Partei und damit zu einer Organisation zu vollziehen, die ja ohne Führung nicht lebensfähig ist, zeigen, daß das Wort „alternativ“ trotz seines inflationären Gebrauchs vorerst noch wenig von seiner Sprengkraft eingebüßt hat.

So nimmt man denn mit einiger Spannung ein Buch zur Hand, das sich mit der Führung in der Wirtschaft befaßt und den Titel „Alternatives Führen“ trägt. „Alternatives Führen will“, so ist gleich auf den ersten Seiten zu lesen, „bildlich gesprochen nicht den Anzug durch die Jeans ersetzen, den Ledersessel durch einen Holzhocker, den Dienstwagen durch das Fahrrad und die Korrespondenz zukünftig den Manager selbst schreiben lassen. Auch kann vom Aussteigen im eigentlichen Sinne nicht die Rede sein.“

Nach dieser Klarstellung, was „Alternatives Führen“ nicht ist, erhebt sich umso drängender die Frage, was der Autor darunter nun wirklich versteht. Angeboten werden im Verlauf der weiteren Lektüre des Buches eine ganze Reihe von Erklärungen und Formulierungen, deren Zusammenhang allerdings lediglich durch die stereotype Verwendung des Wortes „alternativ“ herstellbar ist.

Einige State: „Alternatives Führen bedeutet, die Gesetze der Kommunikation sinnvoll nutzen und anstatt zu delegieren, Vereinbarungen zu treffen, die beiden Seiten Sicherheit und Freiheit zugleich ermöglichen, also den Mitarbeiter anzuleiten anstatt ihn zu verführen.“ Oder: „Ich nutze das Potential meiner Mitarbeiter.“ So lautet der „Erste Hauptleitsatz des Alternativen Führers“. Oder: „Ich lasse die Energie meiner Mitarbeiter zu.“ So der „Zweite Hauptleitsatz des Alternativen Führers“. Und um die Verwirrung vollkommen zu machen, ist dann auch noch von dem „Bedürfnis nach Alternativen“ die Rede, beispielhaft erklärt etwa an der Wach-Schlaf-Rhythmik: „Nach einer langen Wachzeit fordert unser Körper die Alternative.“ Was doch die irrationale Verliebtheit in ein Wort nur für Unheil anrichten kann!

In dem Buch ist viel die Rede von der Wichtigkeit der Kommunikation im betrieblichen Alltag. Und da steht auch dieser durchaus bedenkenswerte Satz: „Inhalt der Kommunikation ist nicht, was jemand mitzuteilen beabsichtigt; Kommunikationsinhalt ist immer nur das, was beim anderen ankommt.“ Was Sinn und Inhalt des für das Verständnis dieses Buches immerhin wichtigen Wortes „alternativ“ angeht, so muß der Rezensent dieses Buches bekennen, daß bei ihm absolut nichts angekommen ist.

Das ist insofern bedauerlich, als es sich, wenn man die alternative Philosophie mit ihren alternativen Varianten beiseite läßt, über weite Strecken um ein lesenswertes Buch handelt. Und das ist dort der Fall, wo der Autor zur Sache kommt und sich konkret mit den Beziehungen zwischen „Führern“ und „Geführten“ (Kontakte, Gesprächsführung, Entscheidungsfindung) befaßt.

Saaman ist seit 1976 selbständiger Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Management und Personalführung. Früher war er Mitglied der „Akademie für Führungskräfte“ in Bad Harzburg, die in den fünfziger und sechziger Jahren zumindest in einschlägigen Kreisen einen gewissen Ruf genoß und mit dem sogenannten „Harzburger Modell“ eine Art Markenartikel entwickelt hatte. Kern dieses Modells war eine dem militärischen Organisationsschema nachempfundene, mit Stäben und Linien arbeitende Management-Technik, die durch straffes „Durchregieren“ von oben nach unten den Unternehmenserfolg sicherstellen wollte. Das Buch des ehemaligen und dann abtrünnig gewordenen Mitarbeiters der Harzburger Akademie ist nun keineswegs eine radikale (alternative) Abrechnung mit den Ideen der Vergangenheit. Saaman will aus dem sterilen „Entweder-oder“ von Produktivität auf Kosten der Mitarbeiter oder Humanität zu Lasten der Effizienz heraus und beides miteinander in Einklang bringen (integrieren).