Los Angeles richtet sich auf Olympia ohne den Ostblock ein

Von Marianne Heuwagen

Los Angeles, im Mai

An der Hoffnung, daß die Sowjetunion möglicherweise bereit wäre, ihre Meinung zu ändern, ganz gleich wie berechtigt sie ist, scheinen viele Bürger von Los Angeles noch festhalten zu wollen, nachdem sie sich vom ersten Schock der Nachricht erholt haben.

Diese Hoffnung wird allerdings von einer entscheidenden Stelle genährt. Peter Ueberroth, Präsident des olympischen Organisationskomitees in Los Angeles, LAOOC genannt, betonte auf einer Pressekonferenz in Los Angeles, das LAOOC werde der Sowjetunion und den anderen Ostblockstaaten, die sich dem Boykott angeschlossen haben, alle Türen offenhalten. Letzter Termin für die Anmeldung zu den Sommerspielen ist der 2. Juni. Erst dann wollen die Organisatoren öffentlich die Konsequenzen aus der Absage ziehen.

Peter Ueberroth ist bekannt dafür, daß er sich gegenüber den Medien optimistischer äußert, als er wirklich ist. So hatte der Präsident des LAOOC nach dem ad hoc-Treffen mit dem sowjetischen Sportminister Marat Gramow in Lausanne vom 24. April noch siegessicher verkündet, die Sowjetunion werde an den Spielen teilnehmen. Aber in den Planspielen war die Absage schon einkalkuliert worden.

Die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles weiden rein privat, daß heißt kommerziell, organisiert. Bisher ist man davon ausgegangen, daß der finanzielle Erfolg der Spiele, von dem das LAOOC sich sogar einen Profit verspricht, von der Teilnahme der Kommunisten abhängt. Die Werbeeinnahmen des LAOOC aus den Verträgen mit den Patenfirmen werden sich nun verringern. Wie die wirtschaftlichen Folgen des Boykotts sind, das wagt in Los Angeles zu diesem Zeitpunkt niemand, zumindest öffentlich, vorauszusagen. Peter Ueberroth gibt zu, daß er sich mit seinen Etat von rund 500 Millionen Dollar ein finanzielles Polster für diesen Notfall erwirtschaftet hat. Von einigen ehemaligen Mitarbeitern des LAOOC wird dieser „Notgroschen“ sogar auf 100 Millionen Dollar geschätzt.