Ost-Berlin im Mai

Was ist denn das für eine Olympiade, wenn wir und die Russen da nicht mitmachen?“, schimpfte ein junger Ostberliner Arbeiter. „Die anderen – Bulgaren und Polen und so –, denen macht es vielleicht nicht so viel aus, zu Hause zu bleiben, aber wir? Wir hätten bestimmt ’ne ganze Menge Medaillen aus Los Angeles geholt. Alles verschenkt. Zu blöde.“

Seine Enttäuschung darüber, daß auch die DDR die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles abgesagt hat, klang ungewohnt patriotisch. „72 in München waren wir Dritter, 76 haben wir schon die Amerikaner hinter und gelassen. Wer weiß – vielleicht hätten wir diesmal sogar die Sowjetunion überholt, wären Erster geworden. Ich meine, dauernd reden wir von unserem Weltniveau, in vielen Sachen ist es ja damit weiß Gott nicht weit her – bei der Olympiade, da hätte man endlich mal mit Fug und Recht von Weltniveau reden können.“

Eine junge Frau hatte sich letztes Wochenende die Olympia-Qualifikation in Potsdam angesehen. „Die Sabine Paetz hat geweint, als sie den Weltrekord in 800 Meter gelaufen war. Fünf neue persönliche Bestleistungen hat sie gebracht, hat den Siebenkampf-Weltrekord um 31 Punkte verbessert, und die Marlies Göhr ist eine so gute Zeit gelaufen, und all die anderen ... Und das ist jetzt alles für die Katz.“

Die BZ am Abend druckte einen Tag vor der sowjetischen Absage ein Interview mit der Leipzigerin Sabine Paetz. „Wie sehen Sie die Probleme, die es im Zusamenhang mit Los Angeles noch gibt?“, wurde sie gefragt. „Wir bereiten uns ernsthaft auf einen Start und den Vergleich mit den Weltbesten vor“, antwortete die Sportlerin, „unsere Ergebnisse beweisen das. Wir hoffen und erwarten aber auch, daß die USA dafür ordentliche Bedingungen schaffen und die Olympische Charta einhalten. Das Neue Deutschland druckte am seiben Tag auf der Sportseite einen Artikel unter der Überschrift „Anti-Olympische Praktiken in den USA weltweit verurteilt und einen amerika-unfreundlichen Bericht über Erfahrungen beim Weltkongreß der Sportjournalisten. Doch noch schien man zu hoffen, daß alles gutgeht.

Um dieselbe Zeit begann BZ am Abend eine Serie „Von Athen bis Los Angeles“, in der über Coubertin, den Wiederbegründer der Olympischen Spiele, berichtet wurde und über Deutsche, die sich in vergangenen Zeiten um die Olympiade verdient gemacht haben. Das Neue Deutschland schrieb: „Für die DDR-Leichtathleten gibt es in diesem Monat eine Reihe von Bewährungsproben, bei denen sie die Chance haben, sich mit guten Leistungen für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.“ In der Berliner Zeitung war zu lesen: „Die Judo-Europameisterschaft in Lüttich brachte nach Meinung von DDR-Verbandstrainer Henry Hempel „noch nicht das Niveau, das bei den Olympischen Spielen für den Kampf um die Medaillen notwendig sein wird“.

– Am Mittwoch letzter Woche stand dann auf den Sportseiten der Zeitungen eine Tass-Meldung; die die Absage der Sowjetunion für Los Angeles enthielt sowie einen Artikel aus der Prawda. Zwei Tage später kam die Absage der DDR.