Von Annelie Pohlen

Nach einer Flugreise von nahezu 30 Stunden stellt sich bei der Ankunft in Sydney ein Zustand totaler Erschöpfung ein. Wissend und doch verblüfft nimmt man die Mischung aus amerikanischer Wolkenkratzerkultur und viktorianischem England in dieser vom Wasser durchzogenen Dreimillionen-Stadt zur Kenntnis. Mit letzter Kraft tragen die Füße den Besucher durch den bezaubernden Königlich Botanischen Garten zur „Art Gallery von New South Wales“. Am majestätischen Säuleneingang flattern die Transparente der 5. Biennale von Sydney. Daneben die Ankündigung der Ausstellung von Leonardo da Vincis Zeichnungen – Europa holt den Besucher überall ein.

Viele der 65 eingeladenen Künstler aus 20 Nationen waren schon sehr rechtzeitig angereist, um ihren Beitrag an Ort und Stelle zu realisieren oder doch bei der Installierung ihrer Werke anwesend zu sein. Der Transport von Übersee kam erst später. Gemessen am physischen Zustand der Gäste mochte dies willkommen sein. Doch wer genießt schon den erzwungenen Strandurlaub vor einer Ausstellung, die den Europäern oder Amerikanern zwar fremd ist, aber für die Australier das größte internationale Kunstereignis darstellt?

Wer, wie Jörg Immendorff eingeladen war, ein großes Bild vor Ort zu malen, konnte beginnen. Olaf Metzel aus Berlin suchte einen Ort außerhalb des Museums, ein zum Abriß bestimmtes Gebäude, um in diesem Ambiente ein Werk entstehen zu lassen. Nicht einfach, in der Fremde Vertrautheit für den kreativen Dialog zu schaffen. Nach einer Woche erst gelang es im „Royal Standard Hotel“. Felix Droese brauchte Kuhfelle für seine „Inszenierung“ zum Thema Gewalt gegenüber dem Leben. Anna Oppermann indes mußte warten. Sie benötigt ihr Ausgangsmaterial, ihre Zettel und Photos, um ihre gedanklichen Bilder im Environment wachsen zu lassen.

Was wie technische Panne anmutet, beleuchtet die Situation eines Kontinents, dessen Wurzeln in Europa und Amerika liegen, dessen Geographie ihn aber zur Insel im fernen pazifischen Ozean macht. Wo alles weit weg ist, wird plötzlich Nähe erzeugt, werden Informationen nicht über Reproduktionen, sondern über Originale vermittelt. Leon Paroissien, Leiter der 5. Biennale, hatte diese nach vielen Reisen innerhalb eines Arbeitsjahres zusammengebracht aus Asien, Europa, Nord- und Südamerika. Was ihn antrieb, war nicht nur der internationale Anspruch, sondern ein gegenwärtig durchaus außergewöhnliches Thema: „Privatsymbol – Social metaphor“ (Persönliches Symbol-Soziale Metapher). Sollte derart weit weg von den westlichen Kunstzentren der nachdrücklich behauptete Rückzug der Künstler aus dem sozialen Geflecht in die Ateliers und von dort in die Musentempel nun doch wieder an soziale Verbindlichkeiten geknüpft werden? Wollte man in Australien Privatheit und gesellschaftliche Relevanz zu neuer Liaison führen?

Thematische Ansprüche werden bei Großveranstaltungen selten wirklich eingelöst. Dennoch, auch in Sydney unterließ man es nicht, Anspruch und Wirklichkeit zu überprüfen. Konnte dies überhaupt aus dem Angebot so vieler Nationen belegt werden über die vage Behauptung hinaus, daß jede kreative Äußerung auch soziale Bedeutung habe? Am Ende hielten eigentlich nur die ausgewählten Beiträge aus den USA, England einschließlich der Republik Irland und der Bundesrepublik stand. Sie stellten auch neben den zehn Künstlern des Gastgeberlandes die größten nationalen Beiträge. Aus den USA boten Mike Glier, Hans Haacke, Jenny Holzer, Mike Kelley, Barbara Kruger, Roberto Longo (dessen Werk eine Woche nach der Eröffnung noch fehlte – Streik im Hafen!), Sandra Meigs und Cindy Sherman einen inhaltlich wie formal differenzierten und lebhaften Beitrag. Ebenso breit und nationale Klischees vom wild-expressiven deutschen Kulturgut aufbrechend, war der deutsche Beitrag: René Block, deutscher Berater für Paroissien, pflanzte für Beuys neben dem Stein aus Kassel statt der Eiche einen australischen Baum: ein emotional beeindruckendes Zeichen für lebendiges Wachstum über der Weite des Hafens. Felix Droese, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Olaf Metzel, Christa Näher, Anna Oppermann und A. R. Penck boten einen konzentrierten Einblick in eine Kunstszene, in der soziale, existentielle Fragen nicht nur „wild“, sondern auch obsessiv in die Werke eindringen. Ähnliches ließ sich vom britischen und irischen Beitrag sagen mit den eher strengen „Art & Language“, Terry Atkinson, Michael Mulcahy einerseits, der spielerisch-eindringlichen Inszenierung von Tony Cragg wie den wahrlich englischen Gesellschafts-Genre-Photos von Karen Knorr auf der anderen Seite. Gilbert & George’s Mammutwerk dürfte indes mehr der zwei Quadratmeter Ausdehnung als der Substanz wegen beeindruckt haben. Ansonsten ließen sich eher einzelne Beiträge herausstellen wie etwa die Arbeiten von Armando aus Holland, Annette Messager aus Frankreich, der Künstlerin Eva Man-wah Yuen aus Hongkong, Felix Müller aus der Schweiz.

Der weit Gereiste stürzt sich in einem Gefühlsgemisch aus Fremdheit und Neugier auf die einheimische Presse. Von dort verlautet über Tage nichts. Dann wütende Attacken. Hat man in Australien den ganzen Import nötig? Hat man sich dort nicht schon immer und auch besser mit der westlichen Internationalität auseinandergesetzt. Und dann die ganze schlechte Malerei. Das jedenfalls klingt wie zu Hause, obwohl wirklich mehr als nur „schlechte“ oder „wilde“ Malerei zu sehen ist. Aber, wenn man darauf fixiert ist, sieht man eben nicht mehr. Schließlich kann man in einer bedeutenden Extra-Ausstellung „Aspekte australischer figurativer Malerei 1942-1962“ an Werken von 41 Künstlern überprüfen, wie intensiv die Tradition der Malerei in Australien ist, erhält ein Gefühl für die dort eigenen Traditionen, die zunächst mit europäischen und später dann auch mit amerikanischen Traditionen zu tun haben. Nicht nur Sidney Nolan und Arthur Boyd oder Danila Vassileff beeindrucken durch eine inhaltliche wie formale Gradwanderung zwischen europäischen Wurzeln, den Mythen der Städte und der endlosen Weite des australischen Kontinents in der Zeit nach dem Kriege. Die Aufmerksamkeit für die junge Malerei hat den Blick für die Älteren geschärft. Warum also die wütenden Attacken auf die schlechten „Wilden“ und die zudem importierten Gäste. Anstöße kamen damals wie heute von draußen. Für die Gäste hat die Biennale wohl weniger Bedeutung als für den Dialog mit den internationalen Sprechweisen und Bildfindungen in Australien selbst. Da zeigt sich, daß australische Fragestellungen wie die von Peter Booth, Peter Kennedy oder Jenny Watson im gemalten Bild über manch spezifisches Indiz hinaus mit den existentiellen Fragen der westlichen Zivilisation überhaupt zu tun haben. Nationalismus ist zudem in der bewußt zum internationalen Dialog inszenierten Präsentation schwerlich hochzuhalten. Hier kommunizieren individuelle Werke mit Benachbartem und Fremdem. Daß man so weit weg den Anschluß an die Internationalität sucht, verdient besonderen Respekt hier bei uns, wo Nähe und Austausch permanent ist. (bis 17.6., Kataloge zu allen Ausstellungen.)