Frankfurt/Main

Wo geht’s denn bitte zum ID“, fragt der Berliner Professor für Politologie, der über den Hof der Hamburger Allee 45 irrt, jenem traditionsreichen Zentrum des alternativen Aktivismus in Frankfurt-Bockenheim, das unter anderem die Stadtzeitung Pflasterstrand, das tez-Büro und den Druckladen beherbergt.

Dem Professor, der sich mit der Erforschung der allenthalben aufgeblühten Selbsthilfegruppen die Zeit vertreibt, kann geholfen werden. Er hat lediglich das kleine Schild „ID – Informationszentrum für alternative Medien“ übersehen, das hinter einem Dutzend mit Altpapier gefüllten Säcken zu verschwinden droht. Noch durch einen dunklen Flur, vorbei an mannshoch gestapelten Kartons, in denen Zeitschriften lagern, und wir stehen mitten im „alternativen Gedächtnis“. Der große helle Raum, dessen Wände bis auf den letzten Zentimeter mit Regalen ausgekleidet sind, beherbergt rund 700 in-und ausländische Alternativzeitungen, zusammen an die 30 000 Exemplare, ein systematisches Textarchiv mit über 40 000 Artikeln sowie gut 30 000 Einzelstücke in Gestalt von Flugblättern, Dossiers oder Broschüren. Eine einzigartige Fundgrube.

Wie diese Sammlung zustandegekommen ist, hatte Conrad Lay am Abend zuvor erläutert. Der 35jährige Journalist hat schon beim Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten (ID) mitgearbeitet, dessen Namen das Archiv übernahm und dessen Konkursmasse im Jahre 1981 zum Startkapital des Archivs wurde. Der ID war 1974 gegründet worden und wollte, wie Conrad Lay es formuliert, „einen demokratischen Zugang zur Öffentlichkeit schaffen, gegen die politische Repression und gesellschaftliche Tabus wirken und vor allem den sozialen Schichten, die sich gewöhnlich nicht in den Medien artikulieren können, die Möglichkeit geben, ihre Stimme zu erheben“.

Er erschien wöchentlich in einer Auflage bis zu 10 000, linkspuritanisch schmucklos aufgemacht, und war zusammen mit der Münchner Stadtzeitung Blatt die erste Alternativzeitung der Bundesrepublik, zudem überregional. Mit dem Motto „nur im Wortlaut wird das Wort laut“ wurde die Zeitung zur Mutter des „Betroffenenjournalismus“, eben jenem Konzept, das sich fast alle nachfolgenden Alternativzeitungen zu eigen machten. Im ID schrieben Gefangene, Aktivisten aus Stadtteilgruppen, Komitees und Solidaritätszirkeln aller Art oder Bürgerinitiativen. Warum ein Bauer aus Whyl das geplante Kernkraftwerk nicht haben wollte, ließ sich vor knapp zehn Jahren schon im ID erfahren, Jahre bevor Ökologie zu einem Thema für die etablierten Medien wurde. Man war der Zeit weit voraus, aber niemand merkte es.

Der ID verstand sich auch als die undogmatische Absage an die diversen kommunistischen Parteien, die damals die linksradikale Szene dominierten, und ihren kritiklosen Rückgriff in die Klamottenkiste der Arbeiterbewegung sowie ihr Primat der politischen Relevanz. Im ID fand die „Politik in der ersten Person“, die „Politik aus Betroffenheit“ ihren Ausdruck, wurde wiederum zum Dogma, um schließlich zu erstarren und zu langweilen. Schreiben aus Betroffenheit und subjektiver Verwicklung kann ebenso blind machen wie Distanz im professionellen Journalismus ungenau und lieblos. Die apodiktische Annahme, daß jeder schreiben kann, ignorierte die Tatsache, daß Schreiben auch ein Handwerk ist und selbst eine linksradikale Leserschaft gelegentlich Unterhaltsames lesen möchte.

Als der ID 1981 nicht zuletzt wegen der Konkurrenz der tageszeitung, die schneller und vergleichsweise professioneller war, in den Konkurs steuerte, stand Conrad mit seinen Kollegen in den verwaisten Redaktionsräumen vor einem gewaltigen Berg: Alternativzeitungen, Stadtblätter, Szenepostillen und Provinzzeitungen, die sie im Austausch zugeschickt bekommen hatten. „Wir standen vor diesem Zeitungsberg“, erinnert sich Conrad, „und waren ratlos. In dieser Situation entstand das ’Projekt Gedächtnis’. Wir wollten die Geschichte der Alternativpresse resümieren, die ja zu einem guten Teil unsere eigene Geschichte war.“