Von Winfried Scharlau

Der Mut von Nicolo Polo, die Grenze der christlichen Mittelmeerwelt zu überschreiten, sich durch muslimische Reiche, durch Persien und dann über die Seidenstraße entlang der Taklamakan-Wüste bis nach China durchzuschlagen, verdient mehr denn je Respekt und Bewunderung. Die Größe der Leistung muß an den mittelalterlichen Lebensumständen gemessen werden. 1271, als Messer Nicolo zur zweiten China-Reise aufbrach und seinen Sohn Marco mitnahm, dessen Buch zu einem der größten Bestseller der Weltgeschichte werden sollte, weigerten sich die Seefahrer noch entschieden, an der Westküste Afrikas über das Kap Bojador hinauszufahren. Hier endete nach damaliger Uberzeugung die Welt des Lebendigen; dahinter lag das „Meer der Finsternis“, das erst rund zweihundert Jahre später von Heinrich dem Seefahrer erkundet und entdämonisiert wurde.

Die besonderen Zeitumstände der venezianischen Abenteurer und Geschäftsleute deutlich zu machen, bemüht sich die neue Studie von:

Alvise Zorzi: „Marco Polo. Eine Biographie“; Claassen-Verlag, Düsseldorf 1983; 430 S., 38,–DM.

Zwei Dominikanermönche sollten nach dem Willen Gregor X. die Polos begleiten, um Khubilai, den Enkel Dschingis Khans, zum wahren christlichen Glauben zu bekehren. Gleich zu Beginn der Reise, nach der ersten gefährlichen Situation, gaben die Padres ihr Vorhaben auf, weil sie, wie Marco Polo lakonisch anmerkt, „große Angst hatten, weiter zu gehen.“ Es sei eigenartig, so meint Zorzi, „daß venezianische Kaufleute mehr auf einen übernatürlichen Schutz vertrauten,“ als die beiden Dominikaner, die zumal aus einem Orden kamen, der sich „für den Kreuzzug gegen die unglücklichen häretischen Albigenser in der Provence stark gemacht hatte und als treibende Kraft hinter der Inquisition stand.“

Es mag sein, daß das erneute Interesse an Marco Polo durch die abenteuerliche Komponente eines Lebens bewirkt wird, das die italo-amerikanische Fernsehserie jetzt auch noch gnadenlos vermarktet. Ein größeres Verständnis für die mittelalterlichen Umstände, für die von Marco Polo vermittelten Erkenntnisse, aber auch für die Fülle von Irrtümern und Fehlurteilen ist davon nicht zu erwarten. Auch diese Biographie hat deshalb einen entschieden defensiven Charakter. Zorzi möchte seinen Helden von dem Makel befreien, ein Spinner und Lustlügner zu sein, der nie und nimmer bis Peking gekommen sei und seine Beschreibungen des Mongolenhofes auf Informationen aus zweiter Hand gestützt hätte.

Zorzi interpretiert das Leben Marco Polos aus dem Geist des Mittelalters, geprägt freilich durch ein venezianisches Temperament, das Held und Biographen auf das Innigste verbindet. Ganz außer Zweifel steht für Zorzi das Motiv, das die Polos veranlaßt hat, die Risiken und Entbehrungen auf sich zu nehmen. Die Wahl der Reiseroute und die Gemächlichkeit des Tempos machten den wahren Grund der Mission sichtbar: „Der kommerzielle Charakter der Reise der drei Polos wurde zwar mehrfach bezweifelt, scheint sich aber nicht leugnen zu lassen.“ Tatsächlich gibt Marco Polo denn auch in seinen Memoiren zu, daß sie am Ende der Reise „sehr reich geworden waren und kostbare Juwelen und Gold besaßen.“