DIE ZEIT: Herr Daume, die Sportler der Sowjetunion werden nicht an den Olympischen Spielen in Los Angeles teilnehmen. Haben Sie diese Absage erwartet?

Willi Daume: Bis vor ganz kurzer Zeit nicht. Sportminister Gramow, ein sympathischer und seriöser Mann, hat mir immer glaubhaft versichert: Im Grunde wollen wir nach Los Angeles fahren und teilnehmen. Die Russen hatten ja auch schon Anzahlungen geleistet und sich sorgfältig vorbereitet wie nie zuvor.

ZEIT: Was war nach Ihrer Ansicht das entscheidende Motiv für die Absage?

Daume:Sie haben immer herausgestellt, es gehe ihnen um die Sicherheit. Die Sicherheit ihrer Athleten müsse gewährleistet sein. Das nähmen die Amerikaner zu leicht, und sie bemühten sich auch gar nicht, die Bedenken zu verstehen. Dieser Vorbehalt deutete noch nicht auf einen solchen Schritt hin. Aber das Problem der Sicherheit ist mehrschichtig.

Ich kenne die russischen Athleten zum Teil sehr gut. Das sind alles sensible, stille Typen, anfällig gegenüber Unsicherheiten, wie sie die Russen in Los Angeles auf sich zukommen sahen. Natürlich haben die Sowjets den psychologischen Druck, dem sie ihre Athleten ausgesetzt sahen, durch überdeutliche Herausstellung zum Teil selber verschuldet. Aber das ändert nichts daran: Sie fürchteten wohl – abgesehen von direkter Bedrohung –, daß ihre Athleten unter diesen Umständen nicht ihre beste Form erreichen würden.

ZEIT: Aber sowjetische Athleten treten doch nicht erst seit gestern in Westeuropa oder in Amerika an.

Daume: Nein, aber dennoch ist es so. Das ist die Mentalität. Die stört es schon, wenn zum Beispiel bei Fußballspielen in südlichen Ländern Feuerwerkskörper hochgehen. Das ist ein ganz eigenartiger Typ, dieser sowjetische Hochleistungssportler. Und solche Überlegungen sind da ganz sicher mit im Spiel gewesen.