Von Joachim Nawrocki

Ziehen Sie Ihren Antrag zurück, oder Sie verlieren Ihre Arbeit. Es stehen genug Leute vor der Tür.“ Das bekam ein DDR-Bürger bei der zuständigen Abteilung im Rat der Stadt zu hören, als er einen Ausreiseantrag stellen wollte.

Überraschend daran war nicht, daß einem Ausreisewilligen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht wurde. Tausende von Antragstellern sind monate- oder gar jahrelang ohne Arbeit; sie leben vom Verkauf ihrer Habe, von Unterstützung durch Freunde oder Verwandte oder von Schwarzarbeit. Barmherzige Pfarrer haben Dutzende von Leuten, oft Akademiker, die auf diese Weise ihre Arbeit verloren haben, als Friedhofsgärtner auf ihrer Gehaltsliste; demzufolge werden die so gepflegten Gottesäcker auch Ausreisefriedhöfe“ genannt. Ungewöhnlich an dem zitierten Satz ist vielmehr die Tatsache, daß in einer Behörde der DDR offen davon gesprochen wird, daß es Arbeitslose vor der Tür gebe.

Hinter den Werkstoren gibt es in der DDR seit je unterbeschäftigte Werktätige, und in den letzten Jahren wurden es immer mehr. Daß es in der DDR offiziell Vollbeschäftigung und lange Jahre hindurch sogar Arbeitskräftemangel gab, wurde von westlichen Wissenschaftlern immer mit der geringen Produktivität der östlichen Planwirtschaft erklärt. Die Industrie der DDR hinkt in der Produktivität nach eigenen Angaben um etwa 30 Prozent hinter den vergleichbaren westlichen Ländern her; in der Landwirtschaft ist der Produktivitätsabstand sogar gewachsen. Während vor zwanzig Jahren die DDR-Landwirtschaft je Arbeitskraft noch zwei Drittel der Leistungen bundesdeutscher Landwirte erbrachte, ist es jetzt kaum mehr als die Hälfte.

Würde die DDR-Wirtschaft die gleiche Produktion mit westlicher Arbeitsproduktivität erbringen, dann könnte sie Millionen von Werktätigen nicht beschäftigen. Für dieses Phänomen haben westliche Ökonomen den Brgriff „verdeckte Arbeitslosigkeit“ eingeführt.

Mittlerweile ist aber Arbeitslosigkeit in der DDR nicht nur verdeckt. Sie tritt – vor und hinter den Werktoren – offen zutage. Da sind einmal die Tausende von Ausreisewilligen, die nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen ihre Arbeit verloren haben. Auch politisch unzuverlässige Lehrer und Künstler sind oft ohne Arbeit oder Aufträge – Berufsverbote à la DDR.

Mit der drastischen Verteuerung des Rohöls und den konsequenten Energiesparmaßnahmen der DDR entstand eine zweite Kategorie von Arbeitslosen. Einschränkungen im Taxiverkehr, im Gütertransport, im Werksverkehr und in anderen Dienstleistungsbereichen brachten Tausende von Kraftfahrern um ihre Arbeit. Sie mußten sich entweder andere Beschäftigungen suchen, oder sie sitzen einen großen Teil ihrer Arbeitszeit untätig in ihrem alten Betrieb und werden im übrigen mit Wartungs- und Hilfsarbeiten beschäftigt.