Von Andreas Zielcke

Es gibt Menschenleben, die so jämmerlich verlaufen, daß viele darauf nur noch mit der lähmenden Frage nach dem „Sinn“ reagieren wollen. Doch sind es häufig nicht ominöse Schicksalsschläge, sondern konkrete Dritte und Institutionen, die die Katastrophe auf dem Gewissen haben.

So war es im Leben und beim Tod Isidore Zimmermans. Im Oktober vergangenen Jahres brachte die Washington Post diese Meldung: „Isidore Zimmerman, 66, der 24 Jahre für einen Mord, den er nicht begangen hatte, hinter Gittern saß und später gegen den Staat New York ein Schadenersatzurteil über 1 Million Dollar wegen rechtwidriger Freiheitsentziehung erreichte, starb am 12. Oktober an einer Herzattacke.“

24 Jahre als „Mörder“ im Gefängnis, davon anfangs neun Monate in der Todeszelle. Nach der Freilassung 20 Jahre Kampf mit der Justiz um Entschädigung. Kurz vor dem juristischen Sieg heimgesucht von einer äußerst seltenen Krankheit, wie sie nur Unglücksmenschen wie Isidore Zimmerman treffen können, dann schließlich das Schadenersatzurteil zu seinen Gunsten. Von der einen Million Dollar blieben, abzüglich Anwaltskosten, 660 000 Dollar. Als kurz darauf sogar die Krankheit abklang, konnte er endlich leben: Vier Monate, nachdem er das Geld erhalten hatte, brach er tot zusammen.

Die Wut, die ein solches erbärmliches Schicksal bei den meisten Unbeteiligten allenfalls kurzfristig hervorruft, flüchtet sich rasch in phantastische Schuldzuschreibungen. Da das Unrecht, das Zimmerman erlitten hat, himmelschreiend ist, muß der Übeltäter ganz oben zu finden sein, nicht in der Justiz oder Verwaltung des Staates New York, sondern – je nachdem, ob Billy Graham oder Hollywood stärker gewirkt haben – beim lieben Gott, der sich einen garstigen Fehltritt geleistet hat, oder wenigstens doch bei dem übermächtigen Bösewicht einer ganzen B-Film-Serie.

Isidore Zimmerman war ein gutmütiger Einfaltspinsel von der Lower East Side in New York, wo er 1917 geboren wurde. Sein Vater war Drucker, seine Mutter Hausmeisterin. Doch Isidore wollte mehr aus sich machen. An dem Frucht- und Gemüsestand, den seine Eltern nebenbei betrieben, half er zwar aus, aber häufig nicht besonders nützlich, weil ihm der Kopf ständig woanders, nämlich bei seinen Büchern stand, für die er sich brennender als für reife Tomaten interessierte.

Vermutlich hätte er sich mehr um das Spiel und seine Gegenspieler als um seine Bücher und um Hilfeleistungen für andere kümmern sollen. Doch zunächst ließen sie ihn Punkte sammeln; Zimmerman schloß die Seward Park High School mit Auszeichnung ab und erhielt ein Stipendium der Columbia-Universität. Für die Mitspieler macht es ja am meisten Spaß, wenn einer hoch hinaus will und gar nicht merkt, wie er voll auf dem Bildschirm landet und ein prächtiges Ziel im Fadenkreuz abgibt. Und noch amüsanter sind solche Fälle, in denen einer jemandem aus der Patsche helfen will und dabei selbst ahnungslos in die Schußlinie gerät. Isidore Zimmerman, inzwischen 19 Jahre alt, erwies einem Bekannten eine Gefälligkeit und holte für ihn dessen Mantel und Hut aus einem Süßwarenladen in der Nachbarschaft ab.