Das war bei Gott nicht die „Gründungsversammlung einer kriminellen Vereinigung“ (Wolfgang Pohrt), wie dies, in Gedenken an den unseligen CDU-Ministerpräsidenten und NS-Richter Filbinger, je nachdem, zu hoffen oder zu befürchten gewesen wäre. Unsere „Grundordnung“ blieb ungefährdet, von aktuellen Problemen war kaum etwas zu hören. Es war eine, zu gleichen Teilen, brav-akademische, brisante und auch ärgerliche Veranstaltung, die da vom 4. bis 6. Mai in der Hamburger Universität stattfand – das Adorno-Symposion „Zum Wahrheitsgehalt eines verdrängten Denkens“.

Eine, im ganzen gesehen, symptomatische Veranstaltung. Die Initiative ging von einer Gruppe Hamburger Studenten aus, die wenig offizielle Unterstützung erfahren hat. Die Finanzierung blieb bis zuletzt, bis unter anderen wieder Jan-Philip Reemtsma einsprang, noch gefährdet. Ärgerlich war das Ganze, weil hier, gleichsam auf dem Rücken Adornos und ohne Rücksicht auf die Studenten, ein Erbstreit ausgetragen wurde, nicht etwa (auch Philosophen sind halt nur Menschen) argumentativ, sondern just mit jenen Mitteln, die aus den Auseinandersetzungen um bares Vermögen so unrühmlich bekannt sind. „Als Referenten wurden“, hieß es nämlich beim ersten großen Adorno-Kongreß in Frankfurt, im September des vergangenen Jahres, aus Anlaß des 80. Geburtstags, „um den notwendigen Abstand zu gewährleisten, keine unmittelbaren Adorno-Schüler geladen.“

Die Richtigkeit dieser Devise wurde in Hamburg, unfreiwillig, doch überzeugend bestätigt. Was hier als „offizielle Großdenkerei“ (Schweppenhäuser) regelrecht denunziert, was gegen (Adornosche Motive aufnehmende und weiterführende) Konzepte vorgetragen wurde, vor allem gegen Jürgen Habermas, von „Güterbahnhof“ war die Rede und von „vollautomatisierter Textverarbeitungsmaschine“ (Pohrt), das läßt sich allein noch aus der „Psychologie der beleidigten Leberwurst“ erklären.

Die Studenten freilich, die über alle Erwartung zahlreich gekommen waren, aus Hamburg, Bremen, Hannover, sogar aus Darmstadt, meldeten in den Diskussionen vehementen Widerspruch an. Keine „Glaubensbekenntnisse“ zu und keine „Beschwörungen“ von Adorno wollten sie hören, keine metaphorisch aufgeblähten Seitenhiebe auf Habermas, sondern die kritische Auseinandersetzung mit Habermas und – auch – mit Adorno. Hier wurde die Veranstaltung brisant. Vorträge wie die von Rolf Tiedemann, dem Adorno-Herausgeber, der über die Utopie von Erkenntnis sprach, „Name – Bild – Begriff“, und Heinz-Klaus Metzger, der den Komponisten Adorno vorstellte, fanden darum großen Beifall.

Wolfgang Pohrt, der gleich vorweg die Themenliste der ganzen Veranstaltung als „Eskapismus“ beschrieb, geistiger Höhenflug als Kompensation materiellen Niedergangs, brachte diese Anzeichen auf eine handliche Formel: nicht die Verdrängung eines Denkens sei zu beklagen, sondern die Wiederkehr der Verhältnisse. Pohrt, frei von theoretischem Anspruch, stellte pointiert und provozierend eine Haltung aus, die sich durchaus auf Motive des Adornoschen Denkens berufen kann: die kritisch eingreifende, radikale Stellungnahme, in der Tradition antiautoritären Protests. Die Begründung hat er anderen überlassen, Tiedemann und Metzger etwa. Deren Vorträge, Höhepunkt des Ganzen, bezogen sich direkt aufeinander. Die Utopie von Erkenntnis, die Tiedemann mit bewundernswerter Klarheit beschrieb, wurde von Metzger auf die These bezogen: wenn schon (nachweisbar) die Musik in den (philosophischen) Texten Adornos „steckt“, dann stecke auch in der Musik „Erkenntnis“. Metzger skizzierte die Begründung seiner These an den Kompositionen Adornos. Die Kompositionen selber waren in der „opera stabile“ der Hamburgischen Staatsoper zu hören. Doch der Saal war – bei weitem – zu klein. Nur ein geringer Teil der Interessenten fand Einlaß. Das Konzert war ein großer Erfolg. Womöglich wurde hier (endlich) der Komponist Adorno entdeckt – und damit, Metzgers These zufolge, weit mehr als nur ein Komponist.

Auf der Heimfahrt, als sich (mir) das Peinliche, Ärgerliche und Erfreuliche dieser Veranstaltung langsam zu entwirren begann, mir aufging, daß Adornos Denken schwerlich als Erbe zu begreifen ist, da kam mir das Verhalten der (selbsternannten) Erben immer peinlicher, das der Studenten immer erfreulicher vor. Nach der viel (aber nur) beschworenen „Wende“ jetzt wirklich eine Wende? Warten wir’s ab. Von Adorno jedenfalls wird in Zukunft wieder häufiger zu hören sein.

W. Martin Lüdke