Von Adolf Muschg

So ist das mit den Erfahrungen: die eigenen kommen zu spät, und mit den fremden kann man nichts anfangen.“ -„Wie wir auftreten, können wir nicht bestimmen. So muß denn unsere ganze Kunst dem Abgang gelten, damit die Ewigkeit uns sicher ist.“ Sätze aus dem Drama „Jericho“, das der Autor im Anhang seiner „Diktate über Sterben & Tod“, zusammen mit einer Totenrede von Max Frisch, postum hat drucken lassen.

Peter Noll wäre in diesem Mai 58 Jahre alt geworden; er war Professor für Strafrecht, früher in Mainz, seit 1969 in Zürich. Vor Weihnachten 1981 erfuhr er, daß er Blasenkrebs hatte. Die operativen Eingriffe, die die Ärzte für geraten hielten, lehnte er ab: Er wollte kein „beschnittenes Leben“, also keinen entfremdeten Tod. Kurz nach der Diagnose kam ihm „wie eine Erlösung“ der Gedanke, „mein Tod solle zelebriert werden.“ Bis ins Einzelne legte er das Szenario seines Trauergottesdienstes mit dem Pfarrer des Zürcher Großmünsters fest. „Predigt und von mir verfaßte Gedanken über Sterben und Tod, Grabrede von Max Frisch, Chöre aus der ’h-moll-Messe’, großes Essen und Trinken für die Trauergäste.“

Jede dieser testamentarischen Bestimmungen bedürfte einer Legende; sie steht in den „Diktaten“, zu deren Abfassung ihn Frisch, sein Freund bis zum Ende, ermutigt hat. Eitelkeit über das Grab hinaus ist hier nicht am Werk, sondern der letzte Wunsch nach Öffentlichkeit für einen gewöhnlichen Tod, den er „exemplarisch“ zu sterben sich vornahm. Sterben als Prophetie – welcher der Pfarrersohn einen ebenso allgemeinen wie eigenwilligen Sinn gab – und als Herausforderung an Jedermanns Ehrlichkeit; und, ja, das auch: als Demonstration – wo nicht gegen die Macht des Todes (vor der eilt keine Berufung), so doch für die Würde der Onnmacht.

Keine Gewißheit bleibt in diesen Notaten aus Nolls letztem Lebensjahr so hartnäckig wie diese: daß Macht in jeder Form dumm ist und böse macht; daß die Mühsal, das Recht der Mächtigen mit der Utopie der Gerechtigkeit zu konfrontieren, den Einsatz des Lebens wert bleibt bis zum Letzten. In diesem Kampf kann man nicht siegen.

Dies ist nicht das Testament eines Eiferers. Es ist die Rechenschaft eines tapferen Pessimisten. „Die Erbmasse des Menschen kann nicht lernen, weil der Mensch als Individuum immer Mittel findet, um den Tod abzuwenden. Darum wird er schließlich nicht überleben.“ Als diesem Menschen kein Mittel mehr gegeben war, seinen Tod abzuwenden, suchte er nach keinem, wollte nur das einzige seinem Gewissen Mögliche nicht versäumen: so zu sterben, daß es – trotz allem und quia absurdum – daraus etwas zu lernen gebe. Er suchte den Sinn; nicht den Trost; schön gar nicht die Entkräftung des Lebens- und Todeswillens durch Mitleid, auch wenn einmal dasteht: „Nur wenn andern die Tränen kommen, würgt es mich manchmal auch.“

Das befristete Leben erlaubt keine Zeitverschwendung, und doch entbindet es nicht von der Pflicht: Vorlesungen zu halten, Dissertationen zu lesen, Fakultätssitzungen zu ertragen, auch die „Strafrechtslehre“ zu Ende zu arbeiten. Starke Stücke für einen, der jetzt ein Recht für ganz andere Prioritäten beanspruchen dürfte. Aber dieser Kritiker des positiven, das heißt für ihn: die Macht schützenden Rechts nimmt sich auch als Sterbender keine Sonderrechte heraus. Er ist stolz darauf, niemals „vom Staat bezahlte Arbeit für mich in Anspruch genommen zu haben.“ Dabei wüßte er jetzt wahrhaftig genug „für mich“ zu tun. 1.) „Die Endzeit und Selbstvernichtung als Gesetz der bewohnten Planeten“ – 2.) „Der Kleine Machiavelli, Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch (und Waffe für die Kritiker der Macht).“ – 3.) „Macht- und Rechtsphilosophie.“ – 4.) „Die Geburt der deutschen Musik aus der Reformation.“ – 5. „Das Buch der Lebens- und Todesweisheit.“