Wie das Auerwild in unseren Wäldern geschützt wird

Von Carl-Albrecht v. Treuenfels

Mit einem Ruck hält Forstamtmann Erwin Wagner sein Auto an. „Das darf nicht sein!“ So schnell er kann, rennt er auf das Haus eines kleinen Weilers zu. Dort dreht sich ein Auerhahn mit aufgeplustertem Gefieder, breit gefächertem Stoß und hängenden Flügeln vor der Scheibe eines Kellerfensters. Er balzt sich selbst an, hält sein Spiegelbild für einen Artgenossen, dem er Respekt einflößen will. Ehe er im Frontalangriff auf die Fensterscheibe losgeht, sich womöglich – völlig von Sinnen – verletzt, ist der Forstmann heran und macht ihm Beine. Doch der Respekt des Vogels vor ihm ist nicht allzu groß. Er rennt vor Erwin Wagner her, scheut sich nicht, eine ausgedehnte Wiese zu Fuß zu überqueren, und fliegt auch nicht auf, als ihm sein Verfolger nur mehr mit einem Meter Abstand auf den Fersen ist. Erst am Waldrand endet die Jagd, der Hahn verschwindet im Unterholz.

„Ja, so etwas kommt leider immer wieder mal vor“, erklärt Erwin Wagner, der ein Revier im Schwarzwald betreut, nachdem er wieder zu Atem gekommen ist. „Wir haben schon erlebt, daß die Vögel auf den Hausdächern in Schramberg sitzen.“ Das ist sonst überhaupt nicht die Art des Auerhuhns. Der größte Angehörige der heimischen Rauhfußhühner (so genannt wegen ihrer befiederten Beine und Zehen; zu ihnen zählen hierzulande noch das Birkhuhn, das Haselhuhn und das Alpenschneehuhn) ist vielmehr sehr auf Heimlichkeit bedacht.

Nicht so einige Auerhühner im Revier von Forstamtmann Wagner. Sie kennen, zumindest in ihren ersten Lebensmonaten, keine Scheu vor ihm, denn sie verdanken ihm ihr Dasein. Manche von ihnen hat er als Küken von den Resten der Eierschale befreit, als sie in einem Brutschrank schlüpften, hat sie später in den Volieren gefüttert und über ihr Heranwachsen gewacht. Und so hat sich manches Auerhuhn, bevor es in die Wildbahn ausgesetzt wurde, mehr an den Menschen gewöhnt, als ihm guttut.

Doch das sind eher die Ausnahmen. Auf unserer Fahrt durch das Revier drücken sich schnell und scheu drei braun gesprenkelte Hennen und zwei einjährige Hähne, deren Gefieder noch mehr graubraun schimmert, unter ein paar junge Fichten, die sich am Rand der Forststraße unter großen „Überhältern“ angesammelt haben. Hier, auf den mit grobem Kies bestreuten Fahrwegen, halten sich die Waldhühner gerne auf: Der Boden ist trocken und warm, denn die Sonne heizt die Steine schnell auf, Regenwasser bleibt nicht lange stehen. Unter den vielen Kieseln finden die Vögel genügend „Magensteinchen“, die sie zum Verdauen brauchen (die verschluckten Steinchen zerreiben im Magen die Pflanzenkost). Der dichte Saum junger Fichten und Kiefern bietet Deckung vor Feinden, etwa dem Habicht, und Sichtschutz vor dem größten Störenfried, dem Menschen. Waldeinwärts setzt sich ein Baumbestand fort, wie er auf größeren Flächen nur noch selten in der Bundesrepublik zu finden ist: Hohe alte Kiefern, Tannen und Fichten stehen in weitem Abstand zueinander; dazwischen wachsen hier und dort jüngere Bäume verschiedener Jahrgänge einzeln oder in kleinen Horsten nach. Der Waldboden, an den viele Sonnenstrahlen durch das lichte Kronendach gelangen, ist mit einer dichten Schicht Heidelbeerkraut bewachsen.

Nur in einer solchen Umgebung kann das Auerwild leben. Hier finden die Vögel zu allen Jahreszeiten die Nahrung, auf die sie angewiesen sind: im Spätherbst und Winter hauptsächlich die Nadeln der Bäume, von Februar an zusätzlich, in den Randbereichen der Wälder die würstchenförmigen Kätzchen von Birke und Haselnuß. Im zeitigen Frühjahr kommen Weidenkätzchen, Knospen von Nadel- und Laubbäumen, außerdem Triebe und junge Blätter der Heidelbeere hinzu. Je weiter die Jahreszeit voranschreitet, desto vielseitiger wird das vegetarische Angebot für die Waldhühner.