Von Michael Schwelien

Donnernd startet die schwere F-LV-Rakete vom sowjetischen Weltraumbahnhof Tjuratam, 160 Kilometer östlich des Aralsees. Der dreistufige Gigant, eine Weiterentwicklung der SS-9 Interkontinentalrakete, trägt an seiner Spitze „Kosmos 1379“ – einen Killersatelliten. Nachdem die drei Antriebsstufen ausgebrannt zur Erde zurückgefallen sind, sucht sich „Kosmos 1379“ sein Ziel: „Kosmos 1375“, einen Satelliten, der zwei Wochen zuvor in Umlauf gebracht worden ist. Der Killersatellit geht auf eine „ko-orbitale“ Umlaufbahn, fängt „Kosmos 1375“ bei der zweiten Erdumkreisung ab und sprengt sich selbst – die Splitter zerstören auch sein Opfer. Mission beendet. Krieg der Sterne, auf sowjetische Art.

In nahezu dreißig Kilometern Höhe manövriert sich ein F-15-Jäger unter die Umlaufbahn eines Satelliten und feuert eine grazile, fünf Meter lange zweistufige Rakete ab. Nachdem die beiden Stufen ausgebrannt sind, sucht sich der nur 35 Kilometer große Raketenkopf selbständig sein Opfer. Ein Infrarotsensor, acht winzige Teleskope und 56 Steuerraketen im Mikroformat lenken die Waffe ins Ziel. Der Raketenkopf explodiert nicht; allein die pure Wucht des Aufpralls zerstört den Satelliten. Mission beendet. Krieg der Sterne, auf amerikanische Art.

Kriegsspiele in der Videothek? Zukunftsvisionen des Dr. Strangelove?

Der sowjetische Satellit „Kosmos 1379“ wurde am 18. Juni 1982 gegen 15 Uhr gestartet. Vermutlich schossen die Sowjets kurze Zeit später noch zwei Interkontinentalraketen, eine SS-20 und eine U-Boot-Rakete, ab. Dann spielten sie zwei Tests mit anti-ballistischen Abwehrsystemen durch. Sollten diese Versuche gekoppelt gewesen sein, dann wäre dies die erste Atomkriegsübung gewesen, die mit der Vernichtung eines militärischen Satelliten begann: Holocaust, ausgelöst im Himmel.

Der amerikanische Satellitenkiller wurde am 21. Januar dieses Jahres erprobt, allerdings noch nicht gegen einen wirklichen Himmelskörper, sondern gegen einen fiktiven „Punkt im Raum“. Vom Raketenstützpunkt Wallops Island im Bundesstaat Virginia will die amerikanische Luftwaffe dieser Tage zwei Ballons von je zwei Metern Durchmesser auf einer Scout-Rakete in die Erdumlaufbahn bringen. Weitere sechs Scout-Starts mit jeweils zwei Ballon-Satelliten sind geplant, zwölf „echte“ Tests also für den Killer im Westentaschenformat.

Eigentlich sollte das amerikanische Satelliten-Schießen schon im letzten Herbst geprobt werden. Warum das streng geheime Projekt auf das Frühjahr 1984 verschoben wurde, ist nicht genau bekannt. „Technische Schwierigkeiten mit dem Projektil“, glaubt John Pike, Raumfahrtexperte bei der Federation of American Scientists; „politische Spannungen“, vermutet dagegen das Nachrichtenmagazin Time: Wegen der Kontroverse über die Nato-Nachrüstung wollten die Amerikaner ein zweites Reizthema vermeiden.