Von Christian Schmidt-Häuer

Statt mit einem neuen Profil präsentiert sich die Kreml-Führung der Welt in diesen Tagen mit zwei Gesichtern. Das eine hat diese Züge: Die Sowjets spielen nicht mehr mit. Sie fahren nicht zu den Olympischen Wettkämpfen nach Los Angeles. Sie lassen sich im Ringen mit Peking durch Präsident Reagans China-Auftritt beleidigt von der Matte drängen und sagen den Besuch des eigenen Vizepremiers in letzter Stunde ab. Sie strafen die Weltmeinung demonstrativ mit Verachtung und treiben die Isolationsfolter für den Nobelpreisträger Sacharow und seine kranke Frau jetzt bis zur tödlichen Bedrohung. Sie schotten sich selbst und die Bruderländer gegen Westeuropa und die wiederentdeckten Bonner „Revanchisten“ ab, die sie lange für eine Kooperation der Vernunft gegen Washington anzuwerben suchten.

So trimmt der Kreml – nicht nur in die Augen der Olympioniken – Sport und Politik auf einen Kampfstil, der bei den Olypischen Spielen der Neuzeit traurige Tradition hat. Sein Namenspatron ist nicht der klassizistische Weltbeglücker Coubertin, sondern der Gutsverwalter Charles Boycott – jener unverbesserliche Ausbeuter, den die Iren ächteten und dessen Name vor hundert Jahren in England zum Schlagwort für Straf-Sanktionen aller Art wurde.

Doch ist die in Moskau nach großem Durcheinander entschiedene Olympia-Absage wirklich Teil einer globalen Boykott-Strategie Beabsichtigt der Kreml ernsthaft, mitsamt seinem osteuropäischen Troß in Rußlands alte Isolierung zurückzukehren?

Das andere Gesicht: Während Moskau die Rüstungskontroll- und Waffenverbots-Vorschläge der Amerikaner und der Nato gleich bündelweise ablehnt – wie umgekehrt Washington die Forderungen des Warschauer Paktes tritt die Sowjetunion jetzt auf der Europäischen Abrüstungskonferenz (KVAE) in Stockholm maßvoll auf. Ihr neues Sechs-Punkte-Papier nähert sich den Vorstellungen des Westens und der neutralen Staaten über „vertrauensbildende Maßnahmen“ an. Gleichzeitig interessieren sich die Sowjets inzwischen wieder für das so lange auf Eis liegende Technologieabkommen mit der Bundesrepublik. Schließlich spricht derzeit vieles dafür, daß die von Bonn angeregte, von Andropow befürwortete internationale Umweltminister-Konferenz mit den osteuropäischen Staaten Ende Juni in München Zustandekommen.

Das zweite Gesicht des Kremls scheint zum Ausdruck zu bringen, daß Moskau immer noch hoffnungsvoll zwischen Europa und Amerika unterscheidet. Warten die Sowjets – obwohl sie mit dieser Strategie die Nachrüstung nicht verhinderten – weiter beharrlich auf eine Aufweichung der westlichen Positionen? Auf jeden Fall werden sie Präsident Reagan bis zu den Wahlen uneingeschränkt boykottieren. Der Aufstieg von Gary Hart hat ihnen gezeigt, daß amerikanische Wahlen unwägbar bleiben. Die Landung auf Grenada und die Verminung der Häfen von Nicaragua hat ihr Urteil über den jetzigen Präsidenten weiter verhärtet.

Wenn der Kreml aber weiter mit düsteren Zügen auf Reagan starrt und mit freundlicherem Gesicht auf Westeuropa schaut, wie sind dann Moskaus neuerliche Breitseiten gegen den Bonner „Revanchismus“ zu erklären? Sein Ziel sei es, so tönt die Prawda plötzlich wie vor zwanzig Jahren, „Das Reich in den Grenzen von 1937 wiederherzustellen“. „Immer häufiger“, behauptet die Neue Zeit, „konsultiert die Regierung die Vorsitzenden der Revanchistenverbände“. Sowjetische Journalisten kommen wieder in die Bundesrepublik mit dem offiziellen Reisewunsch, das „Hauptquartier“ der Vertriebenen zu besuchen.